Die Anreise führt uns über Oslo nach Spitzbergen. Von da aus fliegen wir am nächsten Morgen mit einer Antonow 74 (ein russischer Kurzpistenjet für ca. 30 Passagiere) weiter: drei Stunden später landen wir auf Borneo, einer im Eis treibenden Station am 89. Breitengrad. Die Landepiste wird jedes Jahr im April von unseren russischen Partnern neu errichtet und ihre genaue Lage variiert von Jahr zu Jahr. Ende April beginnt das Eis zu schmelzen, und der temporäre "Flughafen" wird wieder abgebrochen.
Um unsere Zeit auf dem Eis voll zu nutzen, brechen wir noch am selben Tag Richtung Nordpol auf. Die Strecke zum Nordpol misst rund 120 Kilometer. Wir haben genügend Zeit eingerechnet, um den Nordpol sicher zu erreichen – rund eine Woche reicht im Normalfall für diese Distanz aus. Die Technik der Fortbewegung mit Ski auf dem Eis ist am Anfang etwas gewöhnungsbedürftig, doch bald findet man sich mit den speziellen Verhältnissen und dem ständig wechselnden Gelände zurecht. Unser ganzes Programm ist natürlich vom Wetter abhängig. Am Nordpol selbst übernachten wir mindestens einmal, bevor uns der Helikopter abholt und nach Borneo zurückfliegt, von wo aus wir sehr schnell per Flugzeug zurück auf Spitzbergen sind – zurück in einem der abgelegensten Winkel der Erde, der uns aber nach der Polarexpedition wie das Zentrum der Zivilisation vorkommen wird ...
Und so sieht ein typischer Tag während unserer Expedition aus:
Es ist 24 Stunden lang hell. Die Temperatur bewegt sich für gewöhnlich zwischen -25 und -35°C. Die Umgebung verändert sich ständig, da das Eis von Strömung und Wind in Bewegung gehalten wird.
Tagwache um sieben Uhr morgens. Das Schneeschmelzen, um genügend Wasser zu gewinnen, braucht bei -30° viel Zeit. Wer heute nicht an der Reihe ist, das Frühstück und das Füllen der Thermosflaschen vorzubereiten, döst noch eine Stunde weiter. Nach dem Frühstück packen wir die Zelte zusammen; wir brauchen insgesamt etwa zweieinhalb bis drei Stunden vom Aufwachen bis zum Aufbruch. Das wird bald zur Routine werden. Dann sind wir sieben bis zehn Stunden unterwegs. Wir machen regelmässig Pausen, bei denen wir kalorienreiche Nahrung zu uns nehmen. Die Pausen sind kurz. Solange wir in Bewegung bleiben, wird uns nicht kalt. Bei jeder Eisrippe, die wir überqueren, und bei jeder offenen Wasserstelle haben wir dennoch immer Zeit genug zum Erleben der Landschaft, zum Fotografieren und Filmen. Dabei wird Thomas auch sein Know-how als Profifotograf mit allen teilen.
Wir durchqueren ein gefrorenes Meer mit 4000 Meter Wasser unter dem Eis! Das macht die Gegend so einzigartig: So wechseln sich den ganzen Tag über Packeis, kompakte Eisfelder, dünne Eisstellen und offenes Wasser ab. Am häufigsten stossen wir auf Packeis, in dem wir uns nur langsam fortbewegen können. Am Abend müssen wir als Erstes einen sicheren Zeltplatz auf einer grossen, stabilen Eisplatte finden, bevor wir das Camp aufbauen und mit den Vorbereitungen für das Abendessen und dem Schneeschmelzen beginnen (jede Person benötigt rund vier Liter pro Tag). Ist die Arbeit getan, dann gibt es nichts Schöneres, als in die warmen Schlafsäcke zu kriechen und glücklich einzuschlafen. Mit den von uns verwendeten Schlafsäcken wird niemand frieren. Die meisten werden gut schlafen und am nächsten Morgen frisch aufwachen und bereit sein für neue Herausforderungen.


