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BLOG - FRANZ-JOSEF-LAND EXPEDITION 2007

Gesund zurück in Interlaken

31. August 2007: Thomas Ulrich ist wieder daheim

Monatelang nur mit einem einzigen anderen Menschen, Børge Ousland, im Eis der Arktis unterwegs – und dann ging plötzlich alles schnell: Am 13. August wurden Thomas Ulrich und Børge Ousland vom norwegischen Segelboot „Athene“ am Kap Flora abgeholt. Nach einem Zwischenhalt in Murmansk erreichten die zwei am 21. August das Nordkap. Und bereits am 24. August traf Thomas wohlbehalten in der Schweiz ein. Lassen wir ihn selbst über den Abschluss der so erfolgreichen wie ereignisreichen Expedition erzählen:

„14. August. 106. Tag. An Bord der ‚Athene’ mussten wir erst einmal unser Material gut verankern, speziell die Kayaks – der Wind aus Nordwest war sehr stark, bis zu fünf Meter hohe Wellen kamen auf, und Børge und ich waren bald nicht mehr besonders aktiv … Einen halben Tag lang waren wir ziemlich seekrank, wir mussten uns ans Segeln und an die stürmischen Bedingungen gewöhnen. Speziell war auch, dass wir plötzlich nicht mehr alles selber entscheiden mussten und nicht mehr die ‚Chefs’ waren, sondern eine Crew von vier Leuten – Skipper Thorleif Thorleifson mit Tobias Thorleifson, Wollert Hvide und Gustave Brun Lie – für alles verantwortlich waren!“


„19. August. 111. Tag. Mitten in der Nacht trafen wir in Murmansk ein, wo wir die letzten Formalitäten für unsere Bewilligung für die Durchquerung von Franz Josef Land im Nachhinein erledigen sollten! Børge und ich hatten seit Wochen Angst vor diesem Moment gehabt … Auch wenn es von russischer Seite hiess, wir hätten eine Bewilligung, hatten wir keine handfesten Beweise in der Hand und waren entsprechend angespannt. Ein Lotsenboot begleitete uns in den Fjord von Murmansk, wo wir morgens am Pier eintrafen: Alles ist schwarz, die Piers sind von Dutzenden von Kränen und Eisenbahnwagen für das Umladen der hier geförderten Kohle umgeben – nicht gerade der Inbegriff eines touristischen Hafens! Als es dann hell wurde, kam Irina von der ‚Murmansk Maritime Agency’ an Bord; sie hatte die Aufgabe, den Ablauf der Formalitäten zu organisieren, keine leichte Aufgabe in Russland. Kurze Zeit später folgten Funktionäre vom Zoll und der Emigration. Ein kleines Problem war, dass das Visum für Russland der norwegischen Segelcrew seit zwei Tagen abgelaufen war; und sie hatten ja mit uns zwei Passagiere an Bord, die sie in internationalen Gewässern aufgeladen hatten. Wir erklärten dann, dass wir vom Nordpol nach Franz Josef Land marschiert seien und dann die ganze Inselgruppe durchquert hätten. Der junge Offizier, der uns anhörte, überlegte kurz und meinte, den Namen Franz Josef Land habe er doch mal in der Schule gehört … Er telefonierte seinem Vorgesetzten, dann verliessen uns die Funktionäre mit unseren Pässen. Und plötzlich ging alles schnell und reibungslos: Eine Stunde später kamen die Behördenvertreter zurück, drückten ihren Stempel in unsere Pässe – und weg waren sie. Wir liefen sofort wieder aus dem Hafen aus (wir durften das Boot sowieso nicht verlassen), überrascht und glücklich: Wir hatten befürchtet, eingekerkert zu werden, in Wirklichkeit lief alles schnell und gut ab. Wir brauchten nur ein paar Stunden für die Formalitäten!“


„21. August. 113. Tag. Ohne weitere Probleme erreichten wir das Nordkap bei oft starkem Gegenwind. Insgesamt haben wir mit dem Segelboot 1200 nautische Meilen zurückgelegt. Am Nordkap kam der Vertreter unseres Hauptsponsors Gaz de France an Bord für ein Abschlussfest in Galakleidung! Bereits am gleichen Abend verabschiedete ich mich von Børge. Sein Trip ist noch nicht ganz zu Ende: Er fuhr mit dem Segelboot weiter nach Bodø und ist jetzt mit dem Fahrrad unterwegs zu seinem Haus in Oslo, wo er wohl in zwei, drei Wochen eintreffen wird. Ein eigenartiges Gefühl, den Menschen zu verabschieden, mit dem ich während über drei Monaten auf engstem Raum zusammenlebte! Ich selbst fuhr noch am gleichen Tag mit Stig-Tore Johansen, einem Bekannten von uns, im Auto nach Kirkenes. Es war spät am Abend, und während der Fahrt herrschte eine ganz spezielle Stimmung über den Wäldern der Finnmark – alles war grün, und ein schöner Sonnenaufgang überraschte uns … Am 22. verstaute ich mein Material, am 23. flog ich von Kirkenes nach München und am 23. August holten mich meine Frau Åsta und meine drei Mädchen Linn, Silje und Julie in Zürich ab!“


„31. August. Jetzt bin ich also schon wieder eine Woche daheim und versuche, mich zu ‚resozialisieren’! Eigentlich ist das gar nicht so schwierig. Seltsam ist eher, dass ich gar nicht das Gefühl habe, viereinhalb Monate (vor der Expedition auf Nansens Spuren führte ich ja eine Gruppe zum Nordpol) im Eis gelebt zu haben. Zwei Tage nach Ankunft hatte ich bereits ein Fotoshooting, und jetzt bin ich daran, das Fotomaterial der Expedition zu ordnen, um es der National Geographic Society vorzulegen. In der Zeit meiner Abwesenheit haben sich die Kinder entwickelt, und nun ist auch die kleinste Tochter eingeschult worden! Meine Familie hat mich wohlwollend aufgenommen. An dieser Stelle möchte ich ihr meinen Dank aussprechen für das Verständnis, das sie mir entgegenbringt. Ich danke auch Børge, mit dem ich so lange unterwegs war, gleich wie Hans Ambühl, der uns von daheim aus tatkräftig unterstützte. Mein Dank geht aber auch an alle anderen, die mich in irgendeiner Form unterstützt haben – sei es aktiv, sei es einfach mit ihrem Interesse an unserer Expedition.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Kurs Süd! Auf der Heimreise.

2. August - 13. August 2007: An Bord der 'Athene' Richtung Murmansk

Die "Ferien" am Beach von Cap Flora sind vorbei. Heute morgen ist Skipper Thorleif Thorleifson mit dem Segelschiff 'Athene' eingetroffen und Thomas und Børge sind unterwegs nach Hause. Allerdings waren die letzten Tage alles andere als langweilig...

„7. August. Heute stand der zweite Besuch des Eisbrechers 'Yamal' auf dem Programm. Dieses Mal mit unserem russischen Freund und Helfer Victor Boyarsky an Bord. Dicker Nebel verhinderte allerdings, dass der Helikopter die Touristen an Land bringen konnte und eine hohe Brandungswelle verunmöglichte sogar eine Landung per Gummiboot. Also blieb uns keine andere Wahl, als unsere Trockenanzüge anzuziehen und durch die Brandungswelle hinauszuschwimmen. Dort wurden wir von Beiboten des Atomeisbrechers aufgenommen und zur 'Yamal' gebracht. An Bord erlebten wir dann eine unglaublich schöne Zeit.

Wir genossen die erste warme Dusche seit dem Expeditionsstart, gekrönt von einem ausgiebigen Schwumm im geheizten Swimming-Pool und einem Saunagang. Eine unglaubliche Wohltat! Wir revanchierten uns mit einem Vortrag für die Gäste des Eisbrechers, bevor und die Zodiacs wieder zurück in Ufernähe brachten und wir unsere Trockenanzüge erneut überstreiften. Allerdings liess man uns nicht mit leeren Händen zurückkehren. Jeder von uns schleppte einen wasserdichten Sack, randvoll mit Nahrungsmitteln und Lesestoff, hinter sich her, als wir durch die Brandungswellen zurück ans Ufer schwammen.“

„9. August. Der Eisbrecher ist inzwischen unterwegs zum Nordpol und wir warten weiter auf unser Segelschiff. Abwechslungsweise unternehmen wir ausgedehnte Streifzüge durch die Umgebung. Einer muss ständig im Camp bleiben, um dieses vor Eisbären zu beschützen. Eine Mutter mit ihrem vielleicht anderthalb Jahre alten Jungen haben sich nämlich in der Nähe eingerichtet und wiederholt haben die hungrigen Jäger versucht, in unser Camp einzubrechen. Erst der Pfefferspray und Warnschüsse flösste ihnen genügend Respekt ein, dass sie jetzt einen Sicherheitsabstand waren. Aber sie bleiben ständig in der Nähe!

Das warme Wetter hat dazugeführt, dass wir am Ende unserer Reise sogar noch eine richtige Entdeckung gemacht haben. Wir haben nämlich festgestellt, dass Kap Flora gar nicht auf der Northbrook Insel liegt, sondern eine separate, vorgelagerte Insel darstellt. Die dazwischenliegende Meerenge ist rund 250 Meter breit und war offensichtlich bisher immer eisbedeckt, so dass die Kartografen von einer zusammenhängenden Insel ausgingen.“

„10. August. Für heute war die Ankunft der 'Athene' geplant. Aber Thorleif und seine Crew kämpften mit absolut widrigen Bedingungen und er teilte uns per Satellitentelefon mit, dass er mindestens noch 2-3 Tage brauchen werde, bis er da sei.“

„13. August. Heute morgen ist es endlich soweit. Skipper Thorleif Thorleifson ruft an, dass er kurz vor Kap Flora sei. Eilig packen Børge und ich unser Camp zusammen, packen so viel wie mögich auf unsere Kayaks und stechen in See. Wir erreichen die 'Athene' in den internationalen Gewässern vor Franz-Josef-Land. Nach einer herzlichen Begrüssung fahren wir mit einem Zodiac nochmals zurück, um unser restliches Material zu holen. Als wir uns der Küste nähern, machen sich die beiden Eisbären, die in den letzten Tagen stets in unserer Nähe waren, bereits über die verbleibenden Lebensmittel-Vorräte her. Mit Gefuchtel und Geschrei, konnten wir sie aber vertreiben und jetzt sind wir unterwegs gegen Süden - nach Hause!“

Hans Ambühl, Interlaken

Besucher am Kap Flora

25. Juli - 1. August 2007: Bären und Bordeaux an der Beach

Am 24. Juli haben Thomas Ulrich und Børge Ousland ihr Expeditionsziel Kap Flora erreicht. Inzwischen haben sie bereits eine Woche dort verbracht, während sie auf das Segelschiff warten, das sie dort abholen wird. Ein paar Eindrücke...


„25. Juli. Der erste Tag ging schnell vorbei, und er begann mit der Begegnung mit dem grössten Bär, den wir in der ganzen Zeit gesehen haben. Er gönnte sich ein Nickerchen bei einem Seelein in der Nähe unseres Zeltes, als wir ihn entdeckten – ein riesiges Teil, sicher 500 bis 600 kg schwer! Wir liefen einander etwas nach, bevor er das Weite suchte.“


„26. Juli. Ich habe 4 m lange Treibholze gefunden und daraus eine Art Gerüst gebaut, das wir zum Wäscheaufhängen, aber auch zum Training für unsere Oberkörpermuskulatur brauchen können – es ist Zeit, meine Kletterform wieder aufzubessern!“



„27. Juli. Ich habe den Tag im Zelt verbracht, während Børge auf Exkursion ging. Wir müssen uns abwechseln, können das Camp wegen den Bären nicht allein lassen.“

„28. Juli. Um 2.30 in der Nacht ging die erste Rakete ab: Ein junger, neugieriger Bär ohne Angst war hinter dem Zelt bei unserem Essen. Er löste auch den zweiten Draht aus und brauchte zwei Warnschüsse vor die Schnauze, um einzusehen, dass er hier unserer Meinung nach nichts zu suchen hatte. Dann ging er zu unseren Kayaks, die etwa 400 bis 500 m weiter unten lagen. Wir hatten auch dort einen Zaun aufgestellt, den er ebenfalls auslöste, bis er genug hatte von Rauch und Knallerei und ging. Am Nachmittag bin ich Richtung Osten gewandert und habe ein Prunkstück von einem Walrossschädel gefunden!“

„29. Juli, 90. Tag. Waschtag – nach genau drei Monaten! Ein unglaubliches Gefühl … Ich habe zum ersten Mal meine Unterhosen, meine Socken und mich selbst gewaschen und ein SmartWool-Leibchen angezogen, das ich noch nie benutzt habe. Fühle mich wie frisch geboren! Danach haben wir unsere Kayaks zum Camp gezogen, um alles in der Nähe des Zeltes zu haben. Und dann habe ich mit meiner Frau und meinen Töchtern telefoniert, die in Norwegen sind und eben selbst auf eine zweitägige Kayak-Expedition aufbrechen.“


„30. Juli. Bin 7 km nach Osten gewandert und habe eine kleine Walrosskolonie besucht, dort einen Bären aufgescheucht, der sich eilig über das Eis davonmachte und dann im offenen Wasser davonschwamm.“

„31. Juli. Wieder ein unglaublicher Tag. Hatte mich schon gefragt, wie ich diesen Tag, den 15. Hochzeitstag von Åsta und mir, verbringen würde. Als wir uns zum Schlafen bereit machten, hörten wir ein eigenartiges Geräusch, zuerst meinten wir, es sei ein Walross. Als wir aus dem Zelt blickten, sahen wir 1 km vor der Küste einen Atomeisbrecher, und einen Helikopter, der vom Schiff abhob. Wir dachten, jetzt ist aus, es gibt also doch Probleme mit unserer Bewilligung, und wir werden abgeholt und verhaftet. In der Tat kamen dann ein paar Russen auf uns zu mit Maschinenpistolen und fragten uns nach Pass und Bewilligung. Dann kamen die Touristen: Plötzlich hatten wir etwa 100 quirlige Amerikaner, alle mit der gleichen gelben Jacke und Schwimmweste ausgerüstet, rund um uns! Nach drei Monaten die ersten Menschen … Sie schwirrten wie Wespen über die Insel, machten einen Riesenlärm, fotografierten, viele kamen zu uns, und eigentlich glaubte niemand, dass wir schon seit drei Monaten vom Nordpol her kommend unterwegs seien … Wir konnten dann etwas Nahrung organisieren, Früchte, Brot, 2 Büchsen Bier, 2 Flaschen Wodka und 3 Flaschen Wein, haben aber vergessen, sie nach dem Wichtigsten zu fragen: Lesestoff! Der ist uns nämlich ausgegangen...

Schliesslich begingen wir den Hochzeitstag mit einer Flasche Bordeaux, und noch wichtiger, mit den letzten zwei Stück Kuchen von Åsta, die ich vom Nordpol bis hierher getragen habe.“

„1. August. Ich war allein auf einer Wanderung und habe grosse Walknochen gefunden.“


Christine Kopp, Galbiate, Italien

Am Ziel aller Träume: Kap Flora!

24. Juli 2007: Erfolgreicher Abschluss der Durchquerung

Heute, am 85. Tag ihrer Expedition haben sie es endlich geschafft: Thomas Ulrich und Børge Ousland haben Kap Flora und damit das Ziel ihrer Expedition erreicht! An dieser Stelle, wo heute eine Gedenktafel steht, haben Nansen und Johansen am 17. Juni 1896 den englischen Forscher Frederick Jackson getroffen.

Mehr als 1400 Kilometer haben Thomas und Børge seit dem Expeditionsstart am ersten Mai vom Nordpol aus zu Fuss oder per Kayak zurückgelegt. Ohne Versorgungsflüge, nur mit dem, was sie mitgenommen haben. Keinen einzigen Menschen haben sie in dieser Zeit getroffen, dafür zahlreiche Eisbären, Robben und Walrosse.Wir gratulieren zu dieser grossartigen Leistung!

Und wie geht es weiter?
Die beiden Abenteurer sind zwar am Ziel angelangt, fertig ist die Expedition aber noch nicht! Wie einst bei Nansen und Johansen ist nun Geduld gefragt, denn das Segelschiff "Athene" wird Thomas und Børge voraussichtlich nicht vor dem 10. August abholen. Aber das Stimmungsbarometer der beiden zeigt natürlich trotzdem ein Hoch und so geniessen sie vorerst mal zwei bis drei Wochen "Ferien am nördlichsten Beach der Welt".


Hans Ambühl, Interlaken


Erzwungene Ruhetage mit
Eisbärenbesuch

20. Juli 2007: Das schlechte Wetter hält die Abenteurer fest

Am 15. Juli kamen Thomas Ulrich und Børge Ousland nach der gelungenen Überquerung der De-Bruyne-Strasse auf der Nordostseite der Northbrook-Insel an. Und dort waren sie am 19. Juli noch immer … Das Wetter war so schlecht, dass die zwei Abenteurer gezwungenermassen an Ort und Stelle Ruhetage einschalten mussten. Exkursionen, Kartenspielen, Musikhören, Lesen und ein paar Eisbärenbesuche waren die Abwechslungen an diesen langen Tagen …

„16. Juli, 77. Tag. Ruhetag. Am Morgen war das Wetter noch nicht so schlecht, am Nachmittag kam dann starker Wind auf, der grossen Wellengang verursachte. Wir mussten unsere Kayaks am Strand höher hinauf ziehen. Zum Glück ist unser Camp an einem sicheren, guten Platz. Das Meer ist offen und schwarz, wir werden nicht mehr mit Eis konfrontiert sein! Ich muss versuchen, meine gute Moral zu bewahren, wird schon irgendwie funktionieren.“

„18. Juli, 79. Tag. Immer noch am gleichen Ort. Heute regnete es in Strömen, den ganzen Tag lang. Ich habe versucht, einen neuen Rekord aufzustellen und den ganzen Tag lang nie aus dem Zelt zu gehen. Leider habe ich es nicht geschafft, am Abend musste ich einfach mal raus … Ich frage mich, wie Nansen und Johansen solche Stürme mit ihrem Material ausstanden; sie hatten nicht einmal ein Zelt! Heute hatten wir ausgiebigen Bärenbesuch, zuerst ein junges, neugieriges Männchen, das in den Zaun stolperte und schliesslich nur mit Warnschüssen aus der .44 Magnum direkt vor die Pfoten zu verscheuchen war. Dann eine Eisbärenmutter mit ihrem Jungen. Sie waren schneller wieder weg. Insgesamt haben wir auf Franz-Josef-Land sicher zwanzigmal Bärenbesuch gehabt, aber es ist immer alles problemlos abgelaufen. Wir fragen uns, wie die Bären hier unten im Süden überleben, es hat keine Eisschollen mehr, von denen aus sie normalerweise jagen. Dann sahen wir auch noch eine Walrossherde, und Børge konnte sogar beobachten, wie die Walrosse die Eisbären im wahrsten Sinne des Wortes kaltschnäuzig und erfolgreich verjagten.“

„19. Juli, 80. Tag. Wir sind wirklich schon lange unterwegs! Und nun haben wir den vierten Tag am gleichen Ort verbracht, ist eigentlich ganz gut gegangen. Heute regnete es nicht mehr so stark, aber es war neblig, und der Wind kam von der falschen Seite. Wir machten einen Spaziergang den Hügel hinauf zu einem alten Depot, das wir dort gesichtet haben. Es stammt wohl von einer Expedition vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Wir haben einen Ski, Teile eines zerbrochenen Schlittens, Heringe und Walrossknochen gefunden. Spannend!“

Christine Kopp, Galbiate, Italien



Anmerkung von Expeditionsmanager Hans Ambühl, Interlaken:
Aufgrund der Nähe zum Ziel haben sich die beiden entschieden, einge neue Bilder per Satellitentelefon zu übermitteln. Die Bilder dieses Beitrags sind also wieder atkuell!


Auf der Northbrook-Insel
angekommen!

16. Juli 2007: Dem Ziel Kap Flora nahe

Am 14. Juli verliessen Thomas Ulrich und Børge Ousland ihr Camp in der Tichaja-Bucht und überwanden die erste Etappe von der Hooker- hinüber zur Northbrook-Insel. Im Süden dieser Insel liegt Kap Flora, das Ziel der Expedition der zwei Abenteurer, die auf Nansens Spuren unterwegs sind.


„14. Juli, 75. Tag. Wir verliessen Tichaja und paddelten von der Hooker-Insel hinüber zu einer kleinen, vorgelagerten Insel im Süden (Scott-Keltie Insel). Wir hatten unterwegs starken Gegenwind, konnten aber die Insel nach rund 10 km erreichen. Von hier aus haben wir zum ersten Mal Northbrook gesehen – ein seltsames Gefühl, plötzlich so nahe am Ziel zu sein! Unterwegs tauchte eine Walrossmutter mit ihrem Jungen nahe neben uns auf und schnaubte bedrohlich, bevor sie ebenso schnell wieder verschwand. Wir sind auf der Hut, nachdem wir von den gefährlichen Begegnungen von Nansen mit Walrossen gelesen haben, und hatten die Magnum griffbereit auf unseren wasserdichten Säcken auf dem Kajak. Nun sind wir gespannt auf den morgigen Tag … Das Wetter ist schön, hoffentlich klappt die Überquerung.“

„15. Juli, 76. Tag. Eine der wichtigsten Etappen der ganzen Expedition liegt hinter uns! Wir haben die Überquerung der De-Bruyne-Strasse geschafft, die uns so lange Sorgen machte! Unser Ausgangspunkt auf der kleinen Insel war ideal, und wir fanden einen guten Weg über die 37 km lange Passage in offenem Wasser. Zehn Stunden sassen wir in unseren zum Katamaran verbundenen Kayaks ohne auszusteigen. Der Ostwind unterstützte uns ideal, wir konnten auch die Segel einsetzen. Nun sind wir auf Northbrook angekommen und haben unser Camp im Nordosten der Insel aufgestellt. Um Kap Flora, das Ziel der Expedition, zu erreichen, müssen wir nochmals rund 40 km um die Insel und Kap Barents herum paddeln, aber dies macht uns nicht mehr so Sorgen wie die Überwindung der breiten De-Bruyne-Strasse! Wir haben unser Ziel also mehr oder weniger erreicht und sind heute einfach nur glücklich …“

Sobald die zwei Abenteurer Kap Flora erreicht werden haben – in voraussichtlich wenigen Tagen – wird das lange Warten beginnen: An Kap Flora sollten sie gegen Mitte August von einem norwegischen Segelboot abgeholt werden. Wer Thomas in der Wartezeit unterstützen und ihm ein SMS auf das Satellitentelefon schicken möchte, kann sich bei Expeditionsmanager Hans Ambühl (hans.ambuehl@visualimpact.ch) nach dem Vorgehen erkundigen.

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Salz, Kaffee und Zucker
gefunden

13. Juli 2007: Bei der verlassenen Polarstation in der Tichaja-Bucht

Am 9. Juli, dem 70. Tag der Expedition, schafften Thomas Ulrich und Børge Ousland nach der morgendlichen Visite von drei Eisbären die Überquerung von der Koettlitz- zur Hooker-Insel: 12,9 km auf nicht mehr mit dem Land verbundenem Eis, sondern auf Treibeis, das sich sehr stark bewegte. Die Schollen verschoben sich gegeneinander, dockten an und drifteten wieder auseinander. Thomas und Børge gerieten unterwegs auch in einen Schneesturm; der Neuschnee verursachte fünf bis zehn Zentimeter hohe Stollen unter ihren Ski, bevor sie endlich den Wachs in ihrem Material fanden und das Problem lösen konnten. Sie schlugen ihr Camp unter einem Vogelfelsen auf, wo sie am 10. Juli blieben:

„10. Juli, 71. Tag. Gezwungenermassen machten wir heute einen Ruhetag: Es regnete den ganzen Tag in Strömen, wir haben keine Lust, nass zu werden. Das Geschrei der Vögel war auch durch den Regen hindurch im Zelt zu hören. Gestern Abend kam eine Bärin mit ihren zwei Jungen vorbei: Børge hatte eben gesagt, seltsam, kein Bärenbesuch, als ich den Reissverschluss des Zeltes öffnete und die drei Bären vor dem Zaun stehen sah! Sie verzogen sich vor Schreck gleich von selbst.“

„11. Juli, 72. Tag. Heute haben wir mit unserem Katamaran hauptsächlich über offenes Wasser – wir trugen den Trockenanzug den ganzen Tag – der Küste entlang die 7,3 km lange Überfahrt in die Tichaja-Bucht erreicht, immer noch an der Hooker-Insel. Ein aufregender Moment! Hier steht eine bekannte, längst verlassene Polarstation. Sie wurde 1929 eröffnet und war bis 1963 einer der wichtigsten Ausgangspunkte für Arktisexpeditionen. In einer alten Hütte haben wir etwas Salz, Zucker und Kaffee gefunden!“

„12. Juli, 73. Tag. Wir haben den Tag für eine kleine Abenteuerreise durch die alten Gebäude genutzt und dabei auch ein paar etwa 15 bis 20 Jahre alte Konservenbüchsen gefunden, deren Inhalt gar nicht so übel riecht … Beim Erkunden habe ich mir im Rücken irgendwas verzogen, nach dem ewigen Schlittenziehen verträgt mein Rücken jeweils andere Bewegungen nicht so gut, ich liege nun da, kann mich nicht so gut bewegen und hoffe, es werde bald besser. Unser Camp steht in der Nähe des Rubini Rock, eines riesigen, etwa 200 m hohen Basalt-Vogelberges, wo zehn- bis fünfzehntausend Lummen, Möwen und Krabbentaucher nisten. Noch ein Wort zur Polarstation: Sie war das nördlichste geophysikalische Observatorium der Erde und wurde einst als Radio- und Wetterstation eröffnet. Hier lebten bis zu 60 Männer und Frauen, ca. 20 Gebäude existieren noch – eine kleine Geisterstadt in der Tichaja-Bucht, der ‚stillen Bucht’.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Pommes-Chips- und Gummi-
bärchen-Fantasien

8. Juli 2007: Das Ziel nähert sich, die Psyche ist müde

Am 5. Juli überwanden Thomas Ulrich und Børge Ousland 10,2 km von einer Bucht der Luigi-Insel über einen Pass, wo sie das Material der Kayaks in mehreren Portagen schleppen mussten, hinüber zur Champ-Insel. Dort suchten sie am 6. Juli die riesigen, runden Kugel-Steine, die Børge von einem früheren Besuch kannte – ohne Erfolg. Wie aus Thomas’ Worten zu spüren ist, hat er zunehmend Mühe, seine Psyche zu motivieren; und der Körper ist sowieso müde.

„7. Juli, 68. Tag. Wir haben unglaublich viele Eisbärenspuren gesehen, erstaunlich hier im Süden. Wir haben einen unserer Rekordtage nur zu Fuss gemacht – 32,4 km in 10 Stunden – und sind hinüber zur Nansen-Insel marschiert. Meiner Psyche geht es allerdings nicht so gut. Den ganzen Tag über flogen vor meinem inneren Auge Haribo-Gummibären, Pommes Chips und Sugus durch meinen Kopf … Es war fast langweilig, das Eis gut, einfach marschieren, marschieren. Das Ziel der Expedition, Kap Flora, nähert sich, und ich bin langsam müde und habe Mühe, mich zu motivieren.“

„8. Juli, 69. Tag. 28,5 km in 10 Stunden – wieder ein harter Tag. Wir sind von einer kleinen Insel vor der Nansen-Insel um letztere herum marschiert und weiter Richtung Süden, Richtung Koettlitz-Insel. Das Eis war nicht immer super, oft standen wir bis zu den Knöcheln im Wasser. Es fehlen nur noch 82,3 km bis Kap Flora, zum ersten Mal keine dreistellige Kilometerzahl mehr … Ja, auch heute ging es mir nicht super, habe genug vom ständigen Auf und Ab beim Gehen, vom ständigen Entscheiden. Zeit, dass sich das Ziel nähert. Nun, wir liegen im Zelt, es ist schön warm, die Sonne scheint, und ich werde jetzt die 28 Schokoladestückchen essen, die wir uns jeweils für den Abend aufbewahren.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien


Anmerkung von Expeditionsmanager Hans Ambühl, Interlaken:

Inzwischen sind nicht nur die körperlichen Energiereserven der beiden Abenteurer nach 68 Expeditionstagen langsam aufgebraucht. Auch die Batterien für Satelliten-Telefon, Filmkamera, etc. leeren sich stetig. Um diese Resourcen zu schonen, kann Thomas im Moment keine Live-Bilder von seiner Digitalkamera mehr übermitteln.

Freundlicherweise hat sich Dr. Christoph Höbenreich spontan bereit erklärt, uns mit Bildern auszuhelfen. Christoph Höbenreich ist Staatlich geprüfter Berg- & Skiführer in Österreich und war der Initiator und Leiter der "Payer-Weyprecht Gedächtnisexpedition Franz Josef Land 2005", eine der ganz wenigen Expedition, die in den letzten Jahren eine Bewilligung für den Besuch von Franz Josef Land erhalten haben. Mehr Informationen über diese Expedition finden Sie unter: www.franzjosefland.com



Morgendlicher Eisbärenbesuch

5. Juli 2007: Die Abenteurer haben den Tag zur Nacht gemacht

Nach ein paar Tagen der Umstellung sind Thomas Ulrich und Børge Ousland nun jeweils ganz in der Nacht unterwegs, wobei sie am Abend um sechs Uhr aufstehen (16 Uhr MEZ), sich bereitmachen und dann losmarschieren, um die kühleren Temperaturen der Nacht auszunützen.

„3. Juli, 64. Tag. Heute haben wir es gemütlich genommen, wir haben nicht viele Kilometer gemacht. Zuerst mussten wir entscheiden, welchen Weg wir um die Luigi-Insel nehmen; die Verhältnisse an ihrer Küste sahen nicht gut aus, wir erkannten viel Presseis und Gletscherabbrüche und haben deshalb beschlossen, von der Salisbury-Insel nach Osten um die Luigi-Insel herum und so weiter Richtung Nansen-Insel zu gehen. Wir trafen heute sehr gutes, landfestes Eis an; die Firnschicht gefror in der Nacht und trug unsere Ski. Die Nacht bringt uns mit ihren um rund 2 Grad kühleren Temperaturen wirklich viel.“

„4/5. Juli, 65. Tag. Wieder ein spannender Tag. Wir sind weiter um die Luigi-Insel herum hinüber zur Champ-Insel marschiert. Am Morgen waren wir aber zuerst einmal mit einem Eisbären beschäftigt, der uns ziemlich nahe kam und den wir schliesslich nur mit Pfefferspray und Warnschüssen aus unserer Magnum verscheuchen konnten. Wir marschierten dem Fjord entlang auf gutem, ans Land gebundenem Eis, auf dem durch den Regen richtige Pfützen entstanden waren. Plötzlich kam Wind auf, wir segelten durch die Pfützen und machten insgesamt 31,2 km! In einer Passage trafen wir dann offenes Wasser an – wohl durch eine wärmere Strömung entstanden – und mussten um ein Kap herum paddeln, bevor wir an der Champ-Insel unser Camp aufstellten. Hier wollen wir morgen nach den runden Steinen suchen, die Børge schon einmal gesehen hat – seltsame, zwei bis drei Meter grosse Kugeln!“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Nach zwei Ruhetagen auf die
Salisbury-Insel

2. Juli 2007: Wechsel von der Tag- zur Nacht-„Schicht“

Am 29. und 30. Juni blieben Thomas Ulrich und Børge Ousland bei der Winterhütte von Nansen und Johansen auf der Jackson-Insel. Die zwei Ruhetage verbrachten sie mit Spielen, Lesen, Musikhören und kleineren Reparaturen am Material. Das Wetter war schlecht, und der strömende Regen liess den Schnee auf dem Land und auf dem Eis schmelzen, so dass die Passage hinüber auf die nächste Insel einer einzigen gigantischen Eisbahn glich. Am 1. Juli ging es dann weiter:

„1. Juli, 62. Tag. Børge hat heute nach zwei Monaten sein Unterleibchen gewechselt, ich die Socken! Nansen und Johansen warteten damit länger, bzw. sie wechselten ihre Hemden gar nicht, sondern drehten sie nur um, um die sauberere Seite auf der Haut zu haben … In gutem Wasser überwanden wir heute die 17,5 km hinüber auf die Nordseite der Salisbury-Insel. Der Wind war extrem stark, das Wetter gut. Auf dem Eis war viel Wasser, selbst die Ski waren hie und da unter dem Wasser. Dennoch kamen wir gut voran, am Schluss setzten wir unseren Katamaran und die Trockenanzüge ein, um einen offenen Riss zwischen dem Eis und der Insel zu überwinden. Heute kamen uns die Walrosse sehr nahe, ihre Neugierde war uns etwas unheimlich – sie tauchten immer wieder mit ihren dicken Schnauzen neben uns auf, liessen uns aber in Ruhe. Wir haben im Übrigen beschlossen, die Nacht zum Tag zu machen, d. h. wir werden unseren Rhythmus umstellen und später aufstehen, um in drei bis vier Tagen dann nur noch in der Nacht unterwegs zu sein und am Tag zu ruhen. Wir erhoffen uns von der Nacht kühlere Temperaturen und damit bessere Eisverhältnisse. Am Tag ist die Sonneneinstrahlung hier oben weit im Norden zudem so stark, dass sie uns wirklich verbrennt.“

„2. Juli, 63. Tag. Heute haben wir eine Distanz von 12,5 km Luftlinie überwunden und sind von der Nord- auf die Südseite der Salisbury-Insel gekommen. Am Morgen wasserten wir gleich ein, paddelten um das Kap Mc Clintock und gingen danach an Land. Wir kamen bei extrem starkem Gegenwind kaum voran, es war sehr mühsam. Das nächste Kap, Kap Fisher, eine 150 m hohe, steile Basaltklippe, umgingen wir auf dem Landweg. Wir stiegen 260 Höhenmeter auf, gelangten auf einen Gletscher und wieder hinunter in eine andere Bucht, wo wir bei einer Felsnase nahe beim Küsteneis unser Camp aufgestellt haben. Das Kap war ein sehr schöner Ort, wir haben zum ersten Mal Blumen gesehen! Wir haben unseren Rhythmus schon um fünf Stunden verschoben und trafen in der Nacht tatsächlich härteren Schnee an. Es lohnt sich also, die Nacht zum Tag zu machen, und das Licht ist dann mit der tief über dem Horizont stehenden Sonne fast noch schöner.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Winterhütte von Nansen und
Johansen erreicht!

28. Juni 2007: Eindrückliche Spurensuche auf der Jackson-Insel

Thomas Ulrich und Børge Ousland haben ein weiteres grosses Ziel ihrer Expedition auf den Spuren von Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen erreicht: Sie sind auf der Jackson-Insel bei den Ruinen der Hütte eingetroffen, wo ihre Vorgänger von August 1895 an sieben Monate im harschen Klima von Franz-Josef-Land überwinterten. Auf dem Bild sind noch gut die Reste der Steinmauern sowie der Firstbalken aus Treibholz zu sehen. Alles der Reihe nach:

„25. Juni, 56. Tag. Ein guter Tag. Am Morgen stehen wir normalerweise um 5 Uhr auf. Ich erwachte schon um 4.30, hörte Schritte und konnte gerade noch Børge wecken und ihm sagen ‚Der Bär ist da!’ Und schon ging die Signalrakete ab, die der Eisbär auslöste, als er in den um unser Camp gespannten Schutzzaun trat. Alles funktionierte bestens – die Spuren von seiner Flucht zeigten, dass der Bär vom Rauch, Knallen und Heulen des Zauns sehr beeindruckt war! Wir stellten den Zaun neu auf und brauchten zwei weitere Stunden bis zum Aufbruch. Dann marschierten wir von der Houen- zur Torup-Insel. Nansen beschreibt sie in seinem Buch als einer der herrlichsten Stellen der Erde – in der Tat: Tausende von Vögeln nisten hier, die Klippen sind von grünem Moos überzogen, ein unwirklich schöner Ort! Über das Küsteneis gelangten wir dann zu einem Kap, nach acht, neun Kilometern machten wir unsere Kayaks zum Paddeln bereit und gelangten einer 30 m hohen Gletscherwand entlang zum nächsten Kap. Im Westen sahen wir riesige Flächen schwarzen, offenen Meers; auch Nansen erlebte dies so – eine ganz andere Landschaft, vorbei an einem eigenartigen Kap, das wie eine Messerklinge aufragt, und wiederum Abertausende von Vögeln, deren Geschrei aus der hohen Felswand schrillte. Dann marschierten wir wieder über festes Landeis, das Wasser war uns nicht mehr geheuer wegen der vielen Walrosse. Nach 18,8 km stellten wir schliesslich unser Camp auf.“

„26. Juni, 57. Tag. Wir paddelten um ein weiteres Kap, kamen dann wieder auf Landeis und marschierten so 14 km durch den Hjalmar-Johansen-Sound hinüber auf die Jackson-Insel. Die etwa 80 Meter hohen, mit grünem Moos überzogenen Basaltwände der Vogelfelsen blendeten uns fast – einer der schönsten Plätze, die wir bisher gesehen haben! Das Eis war eher schlecht, faul, aber wir kamen dennoch schnell vorwärts, weil es es hier nicht durch Druck komprimiert wird wie das Presseis. Hoffentlich kommt kein Wintereinbruch, heute hat es leicht geschneit … 20,5 km, ein guter Tag!

„27. Juni, 58. Tag. Zuerst ging es über eine Bucht der Jackson-Insel mit gutem Landeis, dann umrundeten wir ein Kap. In der Mitte der Bucht, in der Nähe des offenen Wassers, hörten wir seltsame Geräusche wie von einer Dampflokomotive: Eine Gruppe von Narwalen, denen wir eine halbe Stunde zuschauten! Dann kam plötzlich eine Eisbärenmutter mit ihren zwei Jungen auf uns zu, die Kleinen waren sicher von diesem Jahr, pelzige Dinger, die man am liebsten zum Spielen ins Zelt nähme, aber ohne Mutter … Sie kamen auf drei Meter ran, beschnupperten unsere Schlitten, bevor wir sie mit einer Signalrakete und ein zweites Mal mit einem Warnschuss verscheuchen mussten! Am Morgen brauchen wir unheimlich lange, um unsere ‚Motoren’ anzuwerfen, wir haben ziemlich viele Reserven aufgebraucht, und ich glaube, wir würden es jetzt nicht mehr schaffen, 170 kg schwere Schlitten nachzuziehen wie am Anfang.“

„28. Juni, 59. Tag. Endlich haben wir das Winterlager von Nansen und Johansen erreicht! Wir mussten das Kap Norwegen nicht umrunden, sondern gingen quer über die Berge und setzten am Schluss eine halbe Stunde unsere Kayaks ein. Ein unglaublicher Moment, die Überreste der Winterhütte der zwei Pioniere 20 m von der Küstenlinie zu entdecken: Reste der Steinmäuerchen stehen noch, dann der grosse Firstbalken, über den sie Walrosshäute spannten. Eisbären- und Walrossknochen liegen herum, sie assen ja sehr viel Fleisch. Hier überwinterten sie also sieben Monate lang, es ist unglaublich beeindruckend, dass sie nicht den Mut verloren oder wahnsinnig wurden! Ein sehr beeindruckender Ort. Damit haben wir ein grosses Ziel unserer Expedition erreicht! Unterwegs sehen wir immer wieder Eisbären, heute hatten wir morgens Besuch von einem richtigen Grossvatertypen mit grauem Bart, zur Abwechslung probierten wir den Pfefferspray aus und verpassten ihm auf drei Meter Distanz eine Dosis davon – wir sahen ihn danach den ganzen Tag nicht mehr … Die verschiedenen Eisbären-Abwehrsysteme funktionieren also bestens. Unser einziges Problem: Wir sind wirklich fix und fertig und werden hier jetzt einen oder zwei Ruhetage einschalten.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Boden unter den Füssen

24. Juni 2007: Camp auf der Houen-Insel nördlich der Alexander-Insel

Am 22. Juni schafften Thomas Ulrich und Børge Ousland das letzte Stück der langen Überquerung von der Freeden- zur Hoffmann-Insel. „Es war nicht so schlimm, wie wir befürchtet hatten, wir trafen relativ gutes Küsteneis an“, sagte Thomas dazu. Auf der Hoffmann-Insel eine neue Erfahrung: „Zum ersten Mal auf dieser Expedition hatten wir wirklich Erde unter den Ski, also richtigen ‚Boden’ unter den Füssen, nicht nur Gletscher, Eis oder Wasser. Wir trafen auch erstmals auf menschliche Zeichen: eine alte, verlassene Polarstation aus den 1960er Jahren – ein unwirtlicher Platz, die Zimmer voll Schnee und alles total kaputt!“

„23. Juni, 54. Tag. Wir wechselten von der Hoffmann- hinüber zur Erzherzog-Rainer-Insel. Dank den aus aktuellen Satellitenbildern eruierten Informationen, die uns unser Expeditionskoordinator Hans Ambühl in Interlaken per Satellitentelefon durchgeben konnte, bewegten wir uns auf festem Eis, sahen aber 200 m neben uns die Kante der gruseligen Presseiszone, in der wir tagelang unterwegs gewesen waren. Nansen wusste nicht einmal, wo er und Johansen sich genau befanden – wir haben im Unterschied zu damals diese unglaublichen technischen Mittel – GPS, Satellitentelefon und –bilder usw. – zur Verfügung. Wir versuchen, unsere Expedition auf eine andere Art ‚aufzuwerten’, indem wir eine längere Distanz ohne Depots oder Unterstützung von aussen bewältigen. Jedenfalls ist es unglaublich beeindruckend nachzuerleben, was Nansen und Johansen hier oben ohne Hilfe und ohne jemals den Mut zu verlieren gemacht haben! Auf der Erzherzog-Rainer-Insel steht unser Camp auf Gletschereis, wir sind 200 Höhenmeter über das Niveau des Meeres aufgestiegen und haben erstmals eine schöne Aussicht auf das chaotische Presseis. Wir haben übrigens unser Tagespensum reduziert auf achteinhalb Stunden Marsch – beide sind ziemlich k. o., die Pausen verlängern sich von zehn auf zwanzig Minuten, bevor wir uns jeweils zum Weitergehen aufraffen. Wir haben auch unsere Tagesrationen halbiert, damit wir bis am Schluss genug Nahrung dabei haben.“

„24. Juni, 55. Tag. Von der Erzherzog-Rainer-Insel sind wir heute auf die kleine Houen-Insel nördlich der Alexander-Insel weiter, die Insel, auf der Nansen und Johansen erstmals ihre Füsse auf Steine setzten – ein Gefühl, dass wir schon auf der Hoffmann-Insel erlebt haben. Heute morgen konnten wir erst einmal die gestern gewonnenen 200 Höhenmeter abfahren, ein spezieller Moment! Dann waren wir auf nicht sehr dickem, aber gutem Küsteneis unterwegs und schafften die 21,9 km relativ problemlos. Hier steht unser Camp nun zwischen Steinblöcken. Morgen möchten wir weiter Richtung Westen und offenes Wasser, wo wir hoffentlich früher oder später unsere Kayaks als Segelboote einsetzen werden.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Die Durchquerung von
Franz-Josef-Land hat begonnen

21. Juni 2007: Unterwegs von der Freeden- zur Alexander-Insel

Nach rund 900 abenteuerlichen Kilometern vom Nordpol im Packeis des Arktischen Ozeans sind Thomas Ulrich und Børge Ousland nun also vor mehreren Tagen, am 14. Juni, auf der Eva-Liv-Insel im Nordosten von Franz-Josef-Land angekommen. Rechtzeitig hat es auch mit der Bewilligung zur Durchquerung des grossen, 191 Inseln umfassenden Archipels geklappt: Viktor Boyarsky, der russische Agent von Thomas und Børge, hat dazu alle Hürden in langwieriger Arbeit überwunden … Nun haben die zwei Abenteurer rund eineinhalb Monate Zeit, Franz-Josef-Land und seine Inseln zu erforschen und auf den Spuren von Nansen und Johansen bis zum Kap Flora im Südwesten zu durchqueren – eine Expedition, die seither noch nie in dieser Form gemacht wurde; allerdings haben Ulrich und Ousland natürlich im Vergleich zu ihren illustren Vorgängern vor über 100 Jahren eine Fülle von Informationen und ganz anderes, hochstehendes Material zur Verfügung.

Am 15. Juni war ein „Schlaftag“ angesagt, am 16. Juni gelangten die Zwei mit ihren zum Katamaran umfunktionierten Kayaks zur Adelaide-Insel südlich von Eva-Liv und konnten dort erstmals auch wirklich Land betreten. Über eine stabile Eisbrücke ging es dann noch weiter auf die Freeden-Insel. Hier machten sie zwei weitere Ruhetage, bevor sie am 19. Juni einen Versuch starteten, die rund 40 km lange Meerpassage hinüber zur Alexander-Insel zu überwinden. Es blieb beim Versuch, denn am 19. Juni landeten Thomas und Børge in derart schlechtem Eis, dass sie sich zur Umkehr entschlossen und versuchten, an Land einen besseren Überblick über die Verhältnisse im nur noch teilweise zugefrorenen Meer zu gewinnen. Hier die neuesten Mitteilungen von Thomas:

„20. Juni, 51. Tag: Ein spannender Tag nach dem Rückzug gestern im Treibeis, das mit irrer Geschwindigkeit mit uns wegdriftete ... Heute marschierten wir nochmals bei gutem Wetter auf die Freeden-Insel, um uns einen Überblick zu verschaffen. Danach beschlossen wir, die Überquerung erneut anzupacken – mit Skischuhen und im Trockenanzug. Die ersten 1,5 km bzw. 3 Stunden waren sehr schwierig, wir hüpften sozusagen von Eisscholle zu Eisscholle. Plötzlich wurde das Eis überraschend besser, wir trafen geschlossene Flächen an und konnten nach 15,4 km unser Camp aufstellen. Heute hatten wir übrigens Bärenbesuch: Ein junges Männchen kam neugierig bis auf 20 m an uns heran, wir hatten Pfefferspray, Gummischrot und Signalraketen bereit; der Bär trottete dann eine halbe Stunde zwei- bis dreihundert Meter hinter uns her, bevor es ihm zu langweilig wurde mit uns und er das Weite suchte.“

„21. Juni, 52. Tag: Wieder mal ein harter Tag mit nicht so gutem Eis wie am Ende des gestrigen Tags. Es ist recht warm, sommerlich, die Rinnen gefrieren natürlich nicht mehr zu. So hüpften wir von Scholle zu Scholle und kamen schliesslich doch 13,6 km weiter. Es fehlen uns noch rund 9 km zur Hoffmann-Insel, von dort sollten wir auf festem Landeis weiter zur Alexander-Insel marschieren können. Manchmal schoben wir die Kayaks vor uns her und suchten selbst einen anderen Weg im treibenden Eis, um dann die Kayaks wieder einzuholen. Seltsamerweise trafen wir auf dieser Küstenseite keine Drift an. Wir hoffen, morgen das morsche Eis zu verlassen – ein unglaubliches Gefühl, Land zu betreten!“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Thomas und Børge sind auf Franz-Josef-Land

14. Juni 2007: Ankunft bei der ersten Insel im Nordosten des russischen Archipels

Die vergangene Woche war für die Expedition von Thomas Ulrich und Børge Ousland entscheidend: Am 14. Juni gelangten die zwei Abenteurer nach 45 Tagen auf dem Eis und Wasser des Arktischen Ozeans erstmals wieder an Land. Die Strapazen dieser Tage waren immens, das Vorankommen schwierig. Lassen wir Thomas erzählen: „11. Juni, 42. Tag. Nach dem Rekordtag von gestern lief es auch heute nicht schlecht. Unser Camp von gestern befand sich allerdings auf ziemlich schlechtem Eis, das in Bewegung war. Überhaupt bewegte sich alles rund um uns, das Eis war morsch und aufgebrochen, die Eisdicke betrug nur noch rund 60 bis 80 cm. Wir wollten möglichst schnell aus dieser Presseiszone raus, fanden dann bessere Platten, die wir zum Teil mit den Segeln überwinden konnten und schafften immerhin 18,3 km. Es war warm, nieselte, der Schnee auf dem Eis ist völlig durchnässt und von unten drückt das Wasser hinauf – gut, wenn wir hoffentlich bald an Land kommen …“

Am 12. Juni abends fehlten nur noch 15 km zur Küste. Erstmals hatten Thomas und Børge an diesem Tag Land gesehen: „12. Juni. Ein wunderschöner Tag. Wir machten Aufnahmen mit unserer Unterwasserkamera, als ich am Horizont eine komische Linie, eine Art Linsenwolke über dem Packeis sah – Land in Sicht, die erste Insel von Franz-Josef-Land! Ein unglaubliches Gefühl … Wir hopsten wie kleine Kinder herum und jubelten! Schliesslich erkannten wir die zwei Felsnasen auf der Insel, von denen auch Nansen schreibt. Wir sind voll motiviert und sind überzeugt, das Land morgen zu erreichen.“

„13. Juni. Die Verhältnisse wurden immer schlimmer, das Eis ist unglaublich schlecht, überall aufgebrochen, die Wasserrinnen mit glatten Eisschollen gefüllt, zudem eine unheimlich starke Drift nach Norden – in 6 Stunden anstrengender Arbeit mit unseren zum Katamaran zusammengebundenen Kayaks kamen wir gerade mal 500 m in die richtige Richtung voran! Es ist ein mulmiges Gefühl, hier unterwegs zu sein, alles bewegt sich … Vor der Insel sahen wir den üblichen schwarzen Dunst, der auf offenes Wasser deutete; normalerweise, in den letzten 43 Tagen, haben wir diese immer vermieden, nun steuerten wir direkt darauf zu, um möglichst über das offene Wasser an Land zu gelangen.“

„14. Juni, 45. Tag. Wir wussten: Das wird der ‚Tag X’! Am Morgen befanden wir uns mit der Drift wieder auf der gleichen Position vom Vortag. Wir brachen auf, und nach zehn Stunden in miserablem Eis erreichten wir endlich die lang ersehnte Rinne, wo wir uns zum Paddeln bereit machten und mit unseren Kayaks über einen riesigen, breiten Kanal übersetzten; auf der anderen Seite trafen wir auf gutes, am Land befestigtes Eis. Nach 25 Stunden – wir waren Tag und Nacht unterwegs – kamen wir bei der kleinen Eva-Liv-Insel an. Dort mussten wir allerdings erkennen, dass wir wegen ihrer steil abbrechenden, vergletscherten Ufer nicht auf die Insel hoch kamen. Aber immerhin fanden wir ein Plätzchen für unser erstes Camp an Land.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Nach 41 Tagen noch rund 45 km zum Land!

10. Juni 2007: Endlich mehr Kalorien – und ein neuer Rekord

Thomas’ Stimme tönt erschöpft, aber gut: Sowohl er wie Børge sind nach 41 Tagen Expedition mit fast keinen Ruhetagen ziemlich erledigt – Børge leidet zudem unter einer schmerzhaften Achillessehnenentzündung –, aber nach wie vor sehr motiviert. Der 6. und 7. Juni waren zwei mühsame Tage mit schlechtem Eis; Thomas am 7. Juni: „…ein ewiges Auf und Ab, die Spitze des Schlittens war oft am falschen Ort; eigentlich sind wir sehr geduldig unterwegs, aber heute schlug ich manchmal vor Wut auf den Schlitten ein!“ Auch der 8. Juni schien erst nicht vorbeizugehen, „überhaupt nicht lustig“ sei es am Morgen gewesen, ein Presseishügel nach dem anderen – bis plötzlich Nordwestwind aufkam und die zwei Abenteurer ihre Segel aufziehen konnten. Nachdem sie davor verschiedentlich Spuren gesichtet hatten, hatten sie an diesem Tag eine nähere Begegnung mit einem Eisbären: Dieser – „ein riesiges Teil!“ – kam bis auf 10 Meter an sie heran; Thomas und Børge erwarteten ihn mit Pfefferspray, Revolver und Filmkamera, konnten ihn aber dann mit ein paar Schreien verscheuchen. Am Abend zeigte sich zudem wieder einmal die Sonne, nachdem „wir seit Tagen fast immer nur in einer weissen Suppe unterwegs waren – der blaue Himmel ist gut fürs Gemüt“! Die Moralspritze des Wetters war offenbar eine Art Vorbote von zwei sensationellen Expeditionstagen, wie sich später zeigen sollte.

„9. Juni: In 11 Stunden haben wir 32 km gemacht! Was für ein Tag, wir konnten vom Morgen bis zum Abend segeln … Das Segeln ist allerdings weder einfacher noch gemütlich als das Marschieren zu Fuss: Wir kreuzten viele Rinnen über zusammengepresste Übergängen; vor diesen Passagen müssen wir die Kites jeweils zusammenlegen und im Schlitten verladen, die Ski wechseln (von schnellen Wachsski fürs Segeln auf Fellski), dann vorsichtig die Rinne passieren, oft robbend, nach 20 oder 30 m das gleiche Prozedere in umgekehrter Reihenfolge wiederholen. Und all dies, um dann vielleicht schon nach 200 Segelmetern wieder auf die nächste Rinne zu treffen! Wir sind beide körperlich am Limit, zum Glück enthalten unsere Essensrationen ab morgen mehr Kalorien - nämlich fast 6000 pro Person, statt wie bisher 5400. Zusätzlich gibt’s auch mehr Schokolade als Zwischenverpflegung, das ist für mich besonders wichtig, denn nach zwei, drei Pausen habe ich sie immer schon vollständig aufgegessen – und wir machen vier bis fünf Pausen! Der Zuggurt, der mir am Anfang fast zu eng war, ist jetzt fast zu gross. Ich werde mit einer richtigen Sportkletterfigur heimkehren, ja!“

„10. Juni: 53 km in 14 Stunden – dazu gibt es nicht viel zu sagen … Ein gigantischer Tag, ein unglaubliches Abenteuer! Wir segelten den ganzen Tag und kreuzten dabei sehr viele Rinnen, die durch den Nordwind zusammengepresst und relativ einfach zu passieren waren – Gott sei dank, dass wir diese Zone nicht mit Südwind erwischt haben, der die Rinnen auseinandergerissen und in ein einziges Labyrinth verwandelt hätte. Bei schönstem Wetter sausten wir über riesige Eisflächen, unterwegs sahen wir etwa fünfzehn Male Eisbärenspuren, teils frische, teils ältere, an zwei Eisbären, die wir in der Ferne sahen, segelten wir einfach so vorbei … Für die ersten 22 km brauchten wir nur 4,5 Stunden! Es fehlen uns nur noch rund 45 km zum Land, das heisst zu der Insel, auf die wir Kurs halten. Dieser Tag ist für mich bisher der absolut beste Tag der ganzen Expedition. Er wird mir mein ganzes Leben lang in unvergesslicher Erinnerung bleiben.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Dünneres Eis, aber
ausgezeichnete Verhältnisse

6. Juni 2007: Körperhygiene null, aber Zähneputzen zweimal am Tag …

Am 3. Juni plauderte ich am Abend länger mit Thomas. Er war hörbar guten Mutes, die Sehnenscheiden- entzündung an den Füssen habe er vollends auskuriert, und auch sonst sei er in guter Form – Børge laufe körperlich eher auf dem Zahnfleisch, da er die Expedition schon ziemlich mager angetreten habe, während er die Knochen an sich selbst zwar besser sehe, aber das sei ja vielversprechend für eine gute Sportkletterform nach der Expedition … Wie Thomas erzählte, sehen er und Børge jeden Tag mehr Vögel, ein Zeichen für das schnell näher rückende Land, aber auch immer öfter Robben; auch das Wasser selbst sei nicht mehr so tiefschwarz wie weiter nördlich – man sehe Algen, es sei deutlich „grüner“ und weise mehr Leben auf. Ich befragte Thomas auch zur täglichen Körperhygiene; er meinte: „Nix! Nur das Zähneputzen zweimal am Tag ist sakrosankt!“ Dann fügte er lachend an, er sei nun auf das zweite Paar Unterhosen von SmartWool umgestiegen, aber er erzähle mir lieber nicht im Detail, wie das erste Paar aussehe …

„4. Juni: Der Geburtstag meiner Tochter Linn, wir haben Kuchen gegessen! Als ich ihr telefonierte, sagte sie, sie sei eben im Schwimmbad gewesen – na ja, alles ganz anders … Es war ein super Tag, wir konnten mit Westwind segeln und machten 35 km! Manchmal bretterten wir wie die Irren über gute Eisfelder, es war wie beim Surfen, der Wind kam von der Seite, wir mussten uns richtig reinlegen. Ich kam mir vor wie im falschen Film! Wir mussten nur zwei Rinnen überqueren, eine davon mit dem Katamaransystem. Børge sagte einmal mehr, so gute Verhältnisse habe er auf diesen Breitengraden noch nie angetroffen!“

„5. Juni: Heute war der Wind ganz eingeschlafen, aber wir konnten einen Rekord zu Fuss aufstellen: 22 km in neun Stunden! Wir sind entsprechend zufrieden. Das Eis ist ausgezeichnet, wenn auch deutlich jünger und dünner, 1 m 25 cm massen wir heute, also halb so viel wie in der Nähe des Nordpols. Seine Oberfläche erinnert oft an eine ausgeleerte Popcorntüte, kleine Klumpen, Würfelchen und Trümmer liegen auf den Flächen. Seit langem haben wir übrigens heute wieder einmal ein Flugzeug gehört. Dazu treffen wir immer häufiger Zeichen an, dass das Land nahe ist: Heute sahen wir etwa 15 Robben, die sich auf dem Eis in der Nähe ihrer Atemlöcher – Löcher durch das Eis von ca. 40 cm Durchmesser – ein Sonnenbad genehmigten. Und dann sahen wir einen langen, dicken Stamm Treibholz, der auf seinem Weg nach Westen von Sibirien Richtung Grönland irgendwo im Eis eingefroren ist.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

1 Monat vorbei – Frühling kommt

2. Juni 2007: Die Temperaturen werden milder, das Eis dünner

Auch in der Arktis kehrt der Frühling ein: Børge und Thomas treffen mehr offene Wasserrinnen an, die Temperaturen sind mild und liegen oft über der Nullgradgrenze. So überquerten die Zwei am 28. Mai einige Rinnen mit ihrem Spezialsystem, bei dem sie sich auf die zu einem Katamaran verbundenen Kayaks setzen und mit einem Paddel bzw. einer Karbon-Lawinenschaufel ans andere Ufer bewegen. Diese offenen Wasserstellen sind oft am Horizont als dunkler Dunst erkennbar. Auch der 29. Mai war ein guter Tag, laut Børge hat er in diesen Breitengraden in dieser Jahreszeit noch nie so gutes Eis angetroffen – manchmal auch grosse, geschlossene Flächen. Am Abend müssen die zwei Abenteurer jeweils sechs Liter Wasser aus Schnee schmelzen, zwei für das Abendessen, vier für den nächsten Tag; am Morgen kommen zweieinhalb Liter dazu. Pro Tag brauchen sie so dreieinhalb Deziliter Benzin – dank den gut funktionierenden MSR-Kochern mit spezieller Karbonunterlage und –windschutz recht wenig. Doch lassen wir Thomas erzählen:

„30. Mai: Heute kamen wir langsam voran. Nach einer riesigen Eisfläche gerieten wir in ein richtiges Trümmerfeld, es war extrem schwierig, überhaupt einen Weg zu finden, und eine echte Schinderei, die Kayaks über die Presseiswürfel zu hieven und schleppen …“

„31. Mai: Der Geburtstag von Børge! Es gibt Kuchen, und er öffnet seine Pakete – ich habe allerdings vergessen, ihm ein Geschenk zu machen … Wir haben 15 km gemacht, trafen sehr viele Rinnen an. Auch wenn wir mit unserem Katamaransystem – dank der milden Temperaturen von drei Grad sind die Rinnen offen, sind also von keiner Eisschicht bedeckt – überwinden wir sie in nur zwölf Minuten. Zwischendurch konnten wir die Kites brauchen, aber nicht zum Segeln, sondern nur als ‚Gehhilfe’, die uns das Ziehen der Kayaks erleichtert. Wir haben unsere langen Unterhosen abgelegt und haben unter unseren Gore-Tex-Hosen nur kurze Wollunterhosen an. Nach ein paar Tagen, an denen wir zehn Stunden marschierten, haben wir heute auf unseren Neunstundenrhythmus ‚zurückgeschaltet’, weil wir merkten, dass wir uns sonst nicht genug erholen.“

„1. Juni: Wir sind einen Monat unterwegs und ein perfekt eingespieltes, schnelles Team, wir wechseln uns auch immer beim Führen ab, alles läuft wie am Schnürchen. Es war recht warm heute, vier Grad, die Rinnen waren nicht gefroren. Wenn ich in Nansens Buch über seine Expedition lese, sehe ich, dass er damals recht ähnliche Bedingungen antraf, nur hatte er nicht unsere Ausrüstung … Wir haben gegen die 20 km gemacht mit einer echten Erstbesteigung: eine etwa zehn Meter hohe Eishöhe, von der wir eine super Aussicht genossen! Eine schöne Abwechslung in der flachen Landschaft!“

„2. Juni: Als wir aufwachten blies der Wind perfekt aus Nordosten – ein Geschenk! Wir zogen unsere Segel auf, kamen aber sogleich zur ersten Rinne, wo wir auch unser erstes Morgenbad im Schwimmanzug nahmen – die Rinne war mit einer drei bis vier Zentimeter dicken Schlammeisschicht bedeckt, durch die wir nicht paddeln konnten. Plötzlich dann war alles anders: jüngeres, viel dünneres Eis, mit weniger Rissen. Dann wieder eine schöne Fläche, über die wir mit unseren Segeln wie Easy Riders fuhren, wir überholten einander gegenseitig, lachten – herrlich, mit zehn bis fünfzehn Stundenkilometern über das Eis zu brettern! Am Schluss war das Eis allerdings wieder schlecht und dünn, man kann ihm hier nicht mehr vertrauen, es ist alles morsch, und die Kayaks müssen immer schön in der Nähe sein. Dennoch: Es war ein Traumtag, wir haben 35 km gemacht!“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Rinnen, Risse, Wasser

27. Mai 2007: Von der Gefahr, durchs dünne Eis durchzubrechen

Thomas Ulrich und Børge Ousland kommen bei ihrer Arktis-Expedition gut voran. Wie Thomas an den letzten sechs Abenden in seinen Satellitentelefon-Botschaften mitgeteilt hat, ist jeder Tag erstaunlich anders. Der 22. Mai war „spannend, ziemlich verrückt“, die zwei Abenteurer sahen Eismöwen, segelten viel, kamen 37 km voran und mussten zwei Rinnen durchschwimmen. Unterwegs trafen sie viele bizarre Eistürme an, denen Thomas Namen gab – der „schiefe Turm von Pisa“, „Eiger, Mönch und Jungfrau“ … Am 23. Mai war das Wetter so schlecht, dass „wir nicht einen halben Meter vor unsere Nasen sahen, als wir am Morgen aus dem Zelt blickten“; so blieben Thomas und Børge für einen Ruhetag im Zelt, erledigten Reparaturen, lasen, spielten Karten und gönnten ihren geschundenen Körper Ruhe. Und obwohl sie keinen Meter marschierten, machten sie mit einer starken Nordwinddrift rund 15 km Distanz in die richtige Richtung!

„24. Mai: Heute waren wir 9 ½ Stunden unterwegs – es war einer der schwierigsten und härtesten Tage. Wir trafen sehr schlechtes Eis an, die von einer dünnen Eisschicht überzogenen Rinnen waren zudem von einer tückischen Schneeschicht bedeckt, wir mussten sie mit dem Schwimmanzug überwinden und die Kayaks nachziehen.“ Der 25. Mai war ähnlich – schwieriges Eis, viele Rinnen, die sie schwimmend oder robbend überwanden. Bei einem dieser Risse brach Børge durch das dünne Eis durch und stand bis zu den Knie im Wasser.

„26. Mai: Ein langer Tag, der bis am Morgen des 27. dauerte. Wir haben abgemacht, dass wir nun jeden Tag zehn Stunden laufen, heute wurden es aber sechzehn! Zuerst kamen wir acht Stunden zu Fuss gut vorwärts, dann kam Nordwind auf, und wir begannen zu segeln, auch wenn wir unterwegs unheimlich viele Rinnen, sicher zwanzig, antrafen. Meine Sehnenscheidenentzündung tut nur noch beim Segeln weh. Wir konnten 37 km machen, aber Børge brach zweimal ein und war am Schluss bis zum Becken patschnass. Nun ist es vier Uhr nachmittags am 27. Mai, und wir sind daran, seine Schuhe zu trocknen …“

„27. Mai: Um halb sieben Uhr morgens ins Bett, mittags aufgestanden, dann Ausrüstung trocknen … Um fünf Uhr nachmittags sind wir dann doch losmarschiert und haben noch sieben Kilometer geschafft. Børges Kleider sind wieder trocken, nur seine Schuhe sind etwas feucht. Wenn die Ausrüstung nass wird, muss man sie so schnell wie möglich mit Pulverschnee abbürsten – der Schnee absorbiert das Wasser. Die meisten Dinge konnten wir bei schönem Wetter rund ums Zelt aufhängen und so trocknen, Schuhe, Socken und Handschuhe trockneten wir über dem Benzinkocher!“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

85. Breitengrad überschritten

21. Mai 2007: Nördlichster von Nansen erreichter Punkt passiert

Am 19. Mai haben Thomas Ulrich und Børge Ousland 86° 14’ Nord überschritten: den nördlichsten Punkt, den Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen am 9. April 1895 während ihrer grossen Arktis-Expedition erreichten; ein Punkt, der über längere Zeit eine Rekordmarke darstellte. Thomas erzählt: „18. Mai. 30,7 km gemacht – ein guter Tag mit etwas Sonne und relativ gutem Eis. Wir konnten viel segeln, auch wenn wir unterwegs offenes Wasser antrafen, dass wir auf unseren Kayaks, die wir als ‚Fähre’ benutzten, überwinden konnten.“

„19. Mai. Wir haben den nördlichsten Punkt, den Nansen und Johansen 1895 erreichten, überschritten! Heute war ein durchzogener Tag mit weniger gutem Eis und vielen kleinen Rinnen. Wir sind ziemlich müde, haben in 9 Stunden ohne Segel 14 km gemacht. Meine Sehnenscheidenentzündung an beiden Füssen ist sehr schmerzhaft, ich war froh, dass ich heute nicht segeln musste – das Segeln über das unebene Packeis ist nicht nur gefährlich, sondern für meine Füsse auch extrem belastend.“

„21. Mai. Zwei recht gute Tage liegen hinter uns. Gestern tauchte, als wir eine Wasserrinne schwimmend durchquerten, fünf Meter neben mir eine Robbe auf – der Beweis, dass wir nicht in irgendwelchem Swimmingpool unterwegs waren, sondern im Wasser des arktischen Ozeans! Heute waren wir wieder zu Fuss unterwegs, ohne Segel, in einem eigenartigen Wetter mit wenig Sicht, das einem auf die Moral schlagen könnte – die Landschaft ist mystisch, die Eistürme ragen wie Trolle mit Gesichtern auf und schauen uns an. Auch heute haben wir ein paar Rinnen überquert, mussten aber den Schwimmanzug nie anziehen, im Gegensatz zu gestern: Wir überwanden ein paar Rinnen laufend, aber im Schwimmanzug – ein eigenartiges Gefühl, auf nur vier bis fünf Zentimeter dünnem Eis unterwegs zu sein, das sich bewegt, und zu wissen, dass unter einem die Fische der Arktis schwimmen … Im Moment driften wir mit etwas Südwind gegen Norden, wir haben aber den 85. Breitengrad hinter uns und auch heute knapp 13,5 km gemacht.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Rekorddistanzen und Presseis

17. Mai 2007: Harte Arbeit im aufgebrochenen Eis

Für Thomas Ulrich und den Norweger Børge Ousland war der 17. Mai ein wichtiger Tag: Den norwegischen Nationalfeiertag haben sie mit Schokolade, Kaffee und einem Stück Kuchen begangen. Doch lassen wir Thomas selbst über die letzten vier Tage erzählen: „14. Mai: Was für ein Tag! Am dritten Segeltag haben wir die Rekorddistanz von rund 45 km überwunden; wir waren dafür 15 ½ Stunden unterwegs. Dabei trafen wir extrem viele Rinnen an, wo wir die Segel zusammenlegen, dann über die Rinne kriechen und danach die Segel wieder aufreissen mussten. Eine Rinne hat Børge allein schwimmend überwunden, um mich danach mit den Kayaks nachzuziehen. Es war sehr zermürbend, und ich bin extrem beeindruckt von Børges Fähigkeit, sich in diesem Netzwerk von Rissen und Rinnen zu bewegen und den richtigen Weg zu finden – unglaublich! Bei der harten Arbeit – vorne das Segel, das reisst, hinten das mit 170 kg beladene Kayak – habe ich mir eine Sehnenscheidenentzündung am rechten Fuss geholt, nun nehme ich Entzündungshemmer, wir haben auch versucht, die Füsse anders zu tapen.“

„15. Mai – Ruhetag … Zeit für kleine Reparaturen, z. B. an Schuhen und Gamaschen und Ausschlafen!“

„17. Mai: Gestern war ich zu müde, um zu telefonieren, wir haben dank dem Wind nochmals 32 km geschafft. Heute war wieder ein harter Tag, der Wind ist zusammengebrochen, wir mussten alles ohne Segel gehen, haben so 16,4 km gemacht und trafen stark aufgebrochenes, junges Presseis an – eine faszinierende Landschaft, manchmal glich das Eis weissen Haufen von übereinander liegenden Zuckerwürfeln! Und ein spezieller Tag: Auch meine Frau Åsta, die Norwegerin ist, und unsere drei Töchter, feiern den norwegischen Nationalfeiertag in Oslo und haben dem König zugewinkt, wie sie mir eben mitgeteilt haben. Derweil schmerzt mein rechter Fuss immer noch, die ersten zwei, drei Stunden geht es, dann tut die Sehnenscheidenentzündung sehr weh …“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

2 schlechtere und 2 gute Tage

13. Mai 2007: Dank Kites zweimal je 40 km überwunden

Thomas Ulrich und Børge Ousland sind auf ihrem Weg ein gutes Stück weiter – nach zwei mühsamen Tagen konnten sie endlich mit Erfolg ihre Windsegel einsetzen, wie Thomas erzählt: „10. Mai. Wie schon gestern war auch heute ein sehr harter Tag. Wir haben in 9 ½ Stunden 14,1 km gemacht in jungem Presseis mit vielen Wasserrinnen – unheimlich zermürbend. Mehr haben wir leider nicht geschafft, wir sind kaputt … Daheim würde man nach einem solchen Tag ein Bier trinken und am nächsten Tag ausruhen, hier wird es morgen weitergehen! Am Morgen hat es leicht geschneit, jetzt ist es sehr mild, -6 Grad, auch hier ist es Frühling. Wir haben Schneekristalle so gross wie Buchenblätter gesehen!“

„11. Mai. Wir sind auf 88° 19’ 13’’ Nord und 57° 00’ 21’’ Ost. Es gibt nichts Spezielles zu sagen – ein anstrengender Tag, ziemlich grausiges Wetter mit starkem Südwind, ziemlich viel Neuschnee und recht viel Whiteout, 15,1 km geschafft …“

„12. Mai. Ein langer Tag! Wir sind 14 Stunden marschiert und haben 40 (!) km geschafft. Der Wind hat auf Nord gewechselt, und so konnten wir heute unsere Kites einsetzen, allerdings die Hälfte des Tages im Whiteout. Wir wollten den 88. Breitengrad hinter uns bringen, das haben wir laut GPS gerade um 10 m geschafft – wir sind auf 87° 59’ 52’’ Nord und 62° 07’ 05’’ Ost. Wir segelten durch ein ständiges Auf und Ab, es kam mir manchmal vor wie auf dem Mond, manchmal trafen wir Presseis an, mit Hilfe der Kites murksten wir unsere Schlitten an den Türmen vorbei. Nun, nach 14 Stunden Arbeit, sind wir fix und fertig, es ist hier morgens um halb vier, und wir machen gerade das Abendessen bereit.“ Übrigens: Heute haben die Zwei in der Eiswüste des Nordens nicht nur Fuchsspuren, sondern auch einen kleinen Vogel entdeckt.

„13. Mai. Wir sind auf 87° 39’ 37’’ Nord und 65° 35’ 22’’ Ost. Eigentlich wollten wir nach dem gestrigen Tag nur 8 Stunden laufen, aber dann kam alles anders … Nach einer halben Stunde setzte wieder der Wind ein, und wir konnten unsere Segel einsetzen, bald wechselten wir auch von den Fellski auf Wachsski. Schliesslich sind wir wieder 14 Stunden marschiert und haben nochmals knapp 40 km hinter uns gebracht! Aber nicht etwa in gutem, flachem Eis, sondern in einem ständigen Auf und Ab durch eine Landschaft mit Presseishügeln und kleinen Wasserrinnen – es kam mir wieder eher wie auf dem Mond als auf der Erde vor, als wir an diesen Eisskulpturen vorbeifuhren. Am Schluss waren wir wacklig auf den Beinen, es war eine unheimlich harte Arbeit. Am Morgen war es ziemlich schön, dann waren wir wieder im Whiteout unterwegs. Grosse, schwarze Wolken vor uns deuten auf mächtige, offene Wasserrinnen, die wir zu vermeiden versuchen.“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

89. Breitengrad ist überschritten!

9. Mai 2007: Sonne pur, Whiteout, Presseis und Eisbären

Am 6. Mai haben Thomas Ulrich und Børge Ousland den 89. nördlichen Breitengrad überschritten; inzwischen haben sie, in nur neun Marschtagen, über 150 km hinter sich gebracht. Thomas’ Berichte zeigen, dass jeder Tag wieder ganz anders sein kann: „7. Mai. Heute kamen wir 18,4 km voran; wir befinden uns nun auf 88° 55’ 41’’ Nord und 51° 08’ 00’’ Ost. Das Wetter war schön, zwischendurch etwas bewölkt, dann wieder schön, alles lief sehr gut. Nach der Hälfte des Tages entdeckten wir plötzlich seltsame Spuren an einem Eishügel: eine Eisbärin mit zwei Jungen! Die Fussabdrücke der Jungen waren ziemlich klein, es wäre sicher nett, mit ihnen zu spielen, aber der Mutter möchte ich nicht begegnen – speziell nicht während der Nacht …“

„8. Mai, 8. Tag. Nun haben wir eine Woche und knapp 140 km seit dem Nordpol hinter uns. Wir sind gut eingespielt, jeder weiss, was er zu tun hat und wo er seine Sachen im Schlitten am besten verstaut, damit alles schnell geht. Am Abend stellen wir das Zelt auf, dann kümmert sich Børge um alle weiteren Arbeiten draussen rund ums Zelt, während ich die ‚Inneneinrichtung’ besorge. Dann kochen wir das Abendessen und versuchen, gegen Mitternacht einzuschlafen. Die erste Woche diente auch zur ‚Feinjustierung’ vieler Dinge. Inzwischen tragen wir z. B. nicht mehr die schweren Schuhe, sondern ein leichteres Modell, eine Art Langlaufschuh, das bei -20 Grad immer noch warm hält. An den Füssen haben wir erste Druckstellen; das Ziehen des 170 kg schweren Kayaks durch das Eis und speziell durch schlechte Presseiszonen bringt extrem viel Druck auf die Fersen – aber keine Sorge, alles ist im grünen Bereich! Bei mir schaut die Spitze des Kayaks im schweren Gelände nicht immer in die richtige Richtung; als Børge heute darüber lachte, antwortete ich ihm, ich hätte halt nicht 6000 km im Packeis der Arktis und ein paar tausend Kilometer in der Antarktis auf dem Buckel wie er – worauf er bemerkte, ja, leider habe er in der Antarktis ‚nur’ 4500 km gemacht! Ich glaube, ich werde nie auf 6000 km kommen … Aber es gefällt mir nach wie vor hier draussen, es ist spannend, die Landschaft ist unglaublich. Heute war ein stahlblauer Tag, -15 bis -18 Grad kalt, im Zelt wird es abends mit der Sonneneinstrahlung richtig warm, wir konnten wiederum 18,6 km überwinden und befinden uns auf 88° 40’ 46’’ Nord und 53° 20’ 04’’ Ost.“

„9. Mai. Heute war alles ganz anders … Als wir aufwachten, blickten wir ins Whiteout, wir sahen den ganzen Tag kaum vor die eigene Nase. Dazu kam, dass wir in eine wirklich schlimme Zone mit viel jungem, aufgebrochenem Eis kamen – wir trafen riesige Presseishügel an, von einigen konnten wir sogar mit den Ski runterfahren … Es war nicht einfach, einen Weg durch dieses Labyrinth zu finden, manchmal mussten wir die Route erst ohne Schlitten erkunden. Ein unheimlich harter Tag – nun ja, unsere Kilometer haben wir trotzdem gemacht, allerdings nur 14,4. Hoffen wir auf einen besseren Tag morgen!“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Eisbär in Sicht!

6. Mai 2007: Die zwei Abenteurer kommen gut voran

Thomas Ulrich und Børge Ousland kommen gut voran, wie uns Thomas per Satellitentelefon mitgeteilt hat: „3. Mai. Heute haben wir 18,3 km gemacht; wir befinden uns auf 89° 29’ 52’’ Nord und 44° 44’ 52’’ Ost. Es war wieder ein super Tag, seit dem 29. April schien die Sonne immer. Sie geht jetzt auch nicht mehr unter. Wir trafen gute Verhältnisse an, etwas Presseis, aber keine Wasserrinnen. Jeder von uns hat am Tag zwei Liter warmes Wasser dabei. Am Abend rühren wir damit auch unser Abendessen an – Kartoffelstock mit viel getrocknetem Fleisch und Öl. Das Frühstück ist eine Art Porridge mit Zucker, Milchpulver und Öl, und während des Tages essen wir eine ähnliche Mischung mit getrocknetem Fleisch. Hoffentlich geht alles so gut weiter!“

„4. Mai. Wir sind gerade am Abendessen – wie immer Kartoffelstock mit Fleisch, ich habe zudem etwas Schokolade vom Tagesproviant übrig. Das Wetter war auch heute gut, einmal durchquerten wir eine Nebelbank, dann war es wieder schön. Im Zelt ist es angenehm warm, wir können sogar die Sachen trocknen, draussen ist es aber immer noch – 17/-18 Grad kalt. Heute waren die Verhältnisse etwas härter, das Eis zwar gut mit Schnee, aber wir trafen mehr Presseis an, das mit dem 170 kg schweren Kayak schwierig zu überwinden ist. Manchmal konnten wir auch unsere Kites einsetzen, damit liess es sich ein paar Kilometer viel einfacher marschieren. Der Tagesablauf sieht so aus: Um 9 Uhr wachen wir auf (6 Uhr Schweizer Zeit), dann benötigen wir 3 Stunden, um Wasser zu kochen, alles bereit zu machen und das Zelt abzubauen. Um 12 Uhr gehen wir los, dann sind wir jeweils bis 21 Uhr unterwegs und machen alle ein bis eineinhalb Stunden eine Pause. Alles geht gut, aber ich musste schon das eine oder andere am Material justieren – z. B. den Zuggurt, der bei der ‚Last Degree’-Expedition, wo wir ‚nur’ 80 kg nachzogen, einwandfrei funktionierte, jetzt aber bei 170 kg Probleme machte. Wir sind munter und wohlauf!“

„5. Mai. Wir haben den ersten Eisbären gesichtet! Zwar aus Distanz, und er ging dann auch weg, aber es ist doch erstaunlich, so weit nördlich einen Bären zu sehen. So haben wir jetzt für die Nacht den Eisbären-Schutzzaun aufgestellt. Wieder haben wir 17 km hinter uns gebracht, wir befinden uns auf 89° 10’ 11’’ Nord und 48° 02’ 33’’ Ost. Es war ein sehr anstrengender Tag im Whiteout und mit harten Schneeverwehungen. Es ist extrem anstrengend, diese Presseiszonen mit dem schweren Kayak zu überwinden, ja, da muss schon mal gemurkst werden … Wir hätten gerne die Kites eingesetzt, aber der Wind wehte aus der falschen (SE) Richtung. Heute war wirklich hart. Wir navigieren mit der Sonne, aber wenn sie – wie heute – nicht scheint, kontrollieren wir die Position immer wieder mal mit dem GPS, dann befestigen wir ein Windfähnchen am Skistock und versuchen, die Richtung so zu halten. Børge und ich sind schon gut eingespielt, die Moral ist gut. Beim Gehen habe ich Zeit, meinen Gedanken nachzuhängen, so plane ich am Haus herum, dass ich vor der Abreise daheim gekauft habe …“

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Auf dem Weg!

3. Mai 2007: Thomas und Børge starten zum nächsten Abenteuer!

Am 1. Mai 2007 sind Thomas Ulrich und Børge Ousland vom Nordpol aus zu ihrem nächsten Abenteuer gestartet, nachdem sie zwei Tage davor per Helikopter am Pol abgesetzt worden waren und dort einen Tag mit letzten Vorbereitungen verbracht hatten. Das erste Ziel auf ihrer grossen Expedition gen Süden: Per Ski auf 86° 4' nördlicher Breite zu gelangen – zum nördlichsten Punkt also, den Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen am 14. März 1895 bei ihrer legendären Arktisexpedition erreicht hatten. Denn die neue Expedition von Ulrich und Ousland hat nicht nur sportliche Ziele – per Ski und mit Kayaks wenn möglich zur Inselgruppe von Franz Josef Land zu gelangen, diese zu durchqueren und dann weiter nach Norwegen zu segeln – , sondern ist auch von der historischen Expedition von Nansen inspiriert, dem die zwei Abenteuer eine Hommage leisten wollen.

Doch lassen wir Thomas Ulrich über die ersten zwei Tage der Expedition erzählen: " Heute, am 1. Mai, haben wir unser Abenteuer gestartet. Die Schlitten und Kayaks waren ziemlich schwer, sind aber gut gerutscht – pro Person haben wir rund 170 kg dabei. Wir hängten jeder einen kleineren, mit Benzin beladene Schlitten hinten dran, so dass wir nicht immer alles Gewicht gleichzeitig über die hügelige Landschaft des Presseises ziehen müssen. Wir haben ein paar Rinnen passiert, eine – mit ziemlich dünnem Eis – im Schwimmanzug. Insgesamt kamen wir am ersten Tag rund 17 km voran und gelangten zu 89° 48' 57'" Nord und 34° 20' 04" Ost. Die Sonne scheint, es ist ziemlich warm, und wir haben schöne, grosse Flächen zum Marschieren." Und seine O-Ton-Mitteilung vom 2. Mai: "Wiederum haben wir 16,4 km hinter uns gebracht in 9 Stunden Marschzeit. Es war ein ziemlicher Krampf, wir trafen nicht nur schöne Flächen an, sondern auch Presseiszonen, die mit den beladenen Kayaks hart zu überwinden waren. Alles läuft gut, wir werden sicher aber auch noch anderes erleben! Das Wetter ist unglaublich schön, es ist am Tag -10 bis -15 Grad 'warm' und im Zelt richtig angenehm, auch hier scheint der Frühling eingetroffen zu sein, auch wenn hier noch keine Bäume blühen ..."

Christine Kopp, Galbiate, Italien

Alle sind zurück -
ausser Thomas Ulrich

27. April 2007: Aktualisierung von Hans Ambühl

Anfang Woche sind alle Nordpol-Reisenden wohlbehalten in ihre Heimat zurückgekehrt – alle ausser Thomas.  Er blieb gleich in Spitzbergen um die letzten Vorbereitung auf sein nächstes grosses Abenteuer zu treffen. Dabei wird er von seinem aus der Schweiz angereisten Vater Werner untersützt.

Bereits am 1. Mai geht es, zusammen mit dem Norweger Børge Ousland, wieder los: dieses Mal ist der Nordpol aber nicht das Ziel, sondern der Start. Die Route führt die beiden Extremsportler vom Pol zuerst 900 Kilometer auf Ski über das arktische Eis bis zu der nordsibirischen Inselgruppe Franz-Josef-Land. Dort wollen sie sich an die Spuren von Fridtjof Nansen heften und das über rund 350 Kilometer verstreute Archipel auf der Route des legendären norwegischen Polarforschers auf Ski und per Kayak durchqueren.

An der Südspitze der Inselgruppe werden Thomas und Børge dann mit einem Segelschiff abgeholt und zurück nach Norwegen segeln. Auf dieser Website werden wir regelmässig über den Fortschritt der Expedition berichten.

Hans Ambühl, Interlaken


BLOG - ABENTEUER NORDPOL 2007

Versöhnlicher Abschluss!

23. April 2007: Aktualisierung von Hans Ambühl

Nach aktuellsten Angaben, verläuft der Rückflug reibungslos und die Abenteurer sollten plangemäss heute um 16.00 Uhr in Zürich landen!

Am Schluss der Reise offenbarte sich die Arktis nochmals von ihrer wunderbarsten Seite - und endlich hatten die Nordpol-Rückkehrer auch ein wenig Glück auf ihrer Seite: Da die Gruppe gestern Sonntag in Spitzbergen noch auf den Rückflug warten musste, war ein Ausflug mit Skidoos angesagt. Nicht nur die grandiose Natur von Spitzbergen war zu bewundern, sondern auch noch eine Eisbärin mit Jungen! (Die Bilder liefern wir in den nächsten Tagen nach.)

Zum Stichwort Fliegen, an dieser Stelle noch eine Anmerkung: eine Reise an den Nordpol gehört sicher nie in die Kategorie Öko-Tourismus. Um die Belastung aber im aktzeptablen Rahmen zu halten, hat die Reisegruppe von Thomas Ulrich die gesamten klimawirksamen Emissionen ihrer Flugreise mit einem Beitrag an www.myclimate.chkompensiert.

Hans Ambühl, Interlaken



In Spitzbergen angekommen!

20. April 2007: Aktualisierung von 16.30 Uhr

Vor ein paar Minuten sind die Abenteurer von Borneo kommend in Spitzbergen gelandet. Für die meisten Gruppen-Mitglieder ist ein Platz im Flugzeug vom Montag bestätigt worden, die restlichen können wir hoffentlich auch noch unterbringen. Voraussichtliche Ankunft in Zürich: Montag, 16.00 Uhr.




Soeben (12.00 Uhr) erhalte ich gute Neuigkeiten von Thomas. Zwei Antonov Jets sind unterwegs nach Borneo und werden die Wartenden mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit heute nach Spitzbergen bringen.

Soweit, so gut: wir arbeiten im Moment am Weiterflug der Gruppe ab Spitzbergen. Das Problem ist nur, dass morgen Samstag keine Flüge ab Longyearbyen geplant sind, derjenige von Sonntag hoffnungslos überbucht ist und selbst wenn sich doch noch Platz finden liesse eine Weiterreise am gleichen Tag nicht garantiert werden kann. Aktuelle Einschätzung: Wahrscheinlichste Ankunft in der Schweiz: Montag Abend.




Gemäss Telefon von Thomas gestern um 23 Uhr, ist die Sicht nach wie vor noch nicht viel besser geworden. Und deshalb steht die Antonov 74 immer noch in Spitzbergen. Für eine Strecke nach Borneo braucht das Flugzeug zweieinhalb Stunden. Also ist inzwischen klar, dass die Gruppe von Thomas den 5 Uhr-Flug in Longyearbyen verpassen wird. Am Samstag sind keine Flüge geplant und folglich wird sich die Rückkehr in die Schweiz auf jeden Fall verzögern!

Sobald wir mehr wissen, werden wir wieder informieren.

Hans Ambühl, Interlaken



Reicht es noch auf den Flug?

19. April 2007: Aktualisierung von Hans Ambühl

Wieder nicht viel Neues auf der Nordpol-Station Borneo. Der Sturm hält unvermindert an, entgegen den Voraussagen der russischen Wetterfrösche, die für heute Flugwetter angesagt hatten. Im Gegensatz dazu lagen unsere eigenen Wetter-Experte von Meteotest richtig und deshalb erhalte ich heute bereits am Morgen einen Anruf von Thomas, der für die Basis eine neue Vorhersage einholen soll!

Generell sieht die Prognose immer noch nicht sehr hoffnungsvoll aus, aber immerhin besteht ab heute Abend eine Chance für einen Flug. Das Zeitfenster reicht bis Morgen Mittag. Aber langsam kommt Nervosität auf: reicht es noch für den Weiterflug ab Spitzbergen, der morgen um 5.00 Uhr abfliegt? Wir werden sehen.

Langsam hält Lagerkoller Einzug. Da sind 'Attraktionen' wie die Eistaucher eine willkommene Bereicherung. Diese Froschmänner tauchen im eisigen Wasser unter der Eisdecke!

Für uns bleibt im Moment nur Daumendrücken!

Hans Ambühl, Interlaken



Warten auf Flugwetter

18. April 2007: Aktualisierung von Hans Ambühl

Auf der Nordpol-Station Borneo präsentiert sich die Situation heute unverändert: Die Crew ist daran, die Start- und Landebahn aus Eis Instand zu stellen. Allerdings brauchen sie dazu auch die Unterstützung des Wetters. Dieses ist aufgrund eines Tiefs relativ stürmisch und leider auch zu warm. Denn die Reparatur der Piste funktioniert folgendermassen: zuerst wird die Fläche mit dem Raupen-Traktor grob planiert. Anschliessend werden mit langen Bohrern zahlreiche Löcher durch die Eisdecke der Bahn gebohrt. Durch das Gewicht der Eismassen wird Meerwasser durch die Löcher hochgedrückt und dieses verteilt sich auf der Fläche. Wenn die Temperaturen kalt genug sind, gefriert das Salzwasser auf der Oberfläche innert Stunden und auf diese Weise werden alle Dellen aufgefüllt. Noch etwas manuelles Feintuning und eine perfekt planierte Landebahn ist fertig!

Thomas Ulrich und seine Truppe vertreiben sich inzwischen die Wartezeit in Borneo mit Jassen, Lesen, Fotografieren, Schlafen und Essen. Daneben gibt es jede Menge internationale Gesprächspartner. Insgesamt befinden sich rund 60 Polar-Reisende in Borneo, darunter auch Mike Horn mit seiner Familie.

Alle sind wohlauf und man ist immer noch guter Dinge im Team. Jeder hofft, dass man den für Freitag Morgen ab Spitzbergen geplanten Rückflug noch erwischt.

Hans Ambühl, Interlaken



Entscheid war richtig!

17. April 2007: Aktualisierung von Hans Ambühl

Gestern hat sich sicherlich der eine oder andere aus der Gruppe die Frage gestellt, ob es nicht vielleicht doch möglich gewesen wäre, den Pol zu Fuss zu erreichen. Bei schönem Wetter zurück auf die Nordpol-Basis Borneo zu fliegen, war schon hart.

Das heutige Bild macht jedoch alle Spekulationen überflüssig. Der von den Meteorologen angekündigte Sturm fegt schon den ganzen Tag über Borneo. Die Helikopter bleiben am Boden.

So wie es ausschaut, wird die Gruppe nicht vor Donnerstag nach Spitzbergen ausfliegen können.

Hans Ambühl, Interlaken



Sisyphus am Nordpol!

16. April 2007: Tagesbericht von Jost von Allmen

Wir haben es nicht aus eigener Kraft geschafft! Wir sind ausgeflogen worden. Es war wirklich knapp. Wir waren bis auf 17 Kilometer am Pol bevor wir während dem Sturm in den letzten Tagen auf 26 Kilometer Distanz vom Pol zurückgedriftet sind.

Wir wussten, dass wir nur heute Montag ein Zeitfenster mit gutem Wetter haben würden. Deshalb sind wir am Sonntag bereits in der Nacht um 23.00 Uhr losmarschiert, trotz starkem Gegenwind und wieder extrem tiefen Temperaturen von minus 30°. Wir haben es mit aller Kraft gegen den Wind probiert, aber es war sehr frustrierend: während wir 3 Kilometer marschierten, sind wir 2 Kilometer zurückgedriftet. Wir mussten einsehen, dass wir bei dieser Sisyphus-Aufgabe nicht bestehen konnten. Am Morgen um 7 Uhr hat Thomas entschieden, den Marsch zum Pol abzubrechen und erneut das Camp aufzustellen. Bei diesen Bedingungen war es unmöglich, den Pol heute zu erreichen.

Wir haben uns nochmal Schlafen gelegt und Thomas hat den Helikopter für unseren Rücktransport angefordert. Dieser hat uns am Montag morgen um 10 Uhr abgeholt. Wir sind vom Helikopter noch die letzten 20 Kilometer zum Pol geflogen worden. Wir waren alle dort, konten aussteigen und Fotos machen. Auf dem Rückflug wurden noch weitere Expeditionen abgeholt. Aufgrund der sehr schlechten Wetterprognosen herrscht hier Aufbruch-Stimmung.

Gesamthaft sind wir zurück geflogen worden auf die Basis Borneo. Hier sind wir in Gruppenzelten sehr gut aufgehoben. Die russische Crew sorgt für unser leibliches Wohl und wir können unsere Blessuren pflegen: Risse in der Haut, kleinere Erfrierungen, Blasen, etc.

Erst jetzt haben wir auch etwas mehr Zeit uns innerhalb der Gruppe zu unterhalten. Während dem Sturm waren wir stets zu dritt in unserem Zelt und obwohl das Nachbarzelt nur zwei Meter nebendran stand, war der Austausch in der Gruppe im Sturm absolut nicht möglich. Das holen wir jetzt nach. Wir haben es gut untereinander – und wir sind froh, dass wir gut zurück gekommen sind.

Die nächsten 3 bis 4 Tage ist schlechtes Wetter angesagt. Da wären unsere Vorräte ausgegangen und deshalb mussten wir uns ausfliegen lassen. Das hat auch super geklappt. Unter der persönlichen Leitung von Viktor Boyarsky lief alles perfekt ab.

Während dem Sturm hat es hier in Borneo die Landepiste zerrissen. Im Moment kann also hier kein Flugzeug starten. Wir sitzen sicher noch 2-3 Tage hier fest. Wir hoffen, dass die Piste möglichst rasch wieder hergestellt werden kann und sind zuversichtlich, dass wir wie geplant unseren Heimflug am Freitag erreichen. Bis dahin geniessen wir die russische Gastfreundschaft "Na Sdarówje!".

Jost von Allmen von der Nordpol-Station Borneo



Ruhetag im Sturm

15. April 2007: Tagesbericht von Jost von Allmen

Wir sitzen leider immer noch im Zelt fest, jetzt schon 48 Stunden. Draussen stürmt es. Das ist relativ mühsam. Es ist wieder etwas kälter geworden. Der Reihe nach muss jeder von uns regelmässig raus und das Zelt von der Schneelast befreien, damit diese das Zelt nicht zusammendrückt. Die Moral ist immer noch gut. Wir haben zwar nicht viel zu tun. Es war etwas mühsam, die Zeit wird langsam lang. Wir haben Bücher gelesen, Musik gehört und über das Leben und die Liebe philosophiert. Wir haben genügend Essen und Brennstoff. Es geht uns gut. Aber langsam wird es Zeit, dass wir endlich wieder raus können.

Der Wind hat gedreht. Deshalb mussten wir gerade den Eingang erneut freischaufeln. Als wir vor 2 Tagen ankamen, waren wir 21 Kilometer vom Nordpol weg. In der Zwischenzeit sind wir einmal bis auf 17 Kilometer an den Pol herangedriftet, sind jetzt aber wieder 23 Kilometer davon entfernt.

Ab Montag soll das Wetter besser werden und wir sind motiviert, wir wollen alle "Gas geben" und den Nordpol endlich erreichen. Wir sind jedenfalls bereit!

Dreissig Meter von unseren Zelten hat sich im Sturm ein Riss im Eis geöffnet. Aber das ist eigentlich positiv, die Spalte dient als Puffer für unser solides Eisstück und wir sind hier sehr sicher.

Ein anderes Problem: in Borneo ist die Landepiste aufgebrochen. Aber das ist das Problem der Russen. Die werden das schon hinkriegen, bis wir dort sind.

Jost von Allmen, fast am Nordpol.



Ruhetag im Sturm

14. April 2007: Tagesbericht von André Lüthi

Der heutige Tag ist ein wenig verrückt. Wir sind zwar 15 Kilometer weitergekommen, sind aber keinen Schritt marschiert! Mit anderen Worten, wir sind sehr stark mit dem Eis gedriftet! Schon am Morgen heult der Wind und leichter Schneefall reduziert die Sicht auf nahezu Null. Deshalb entscheidet sich Thomas, einen Ruhetag einzuschalten.

Unsere Herausforderung besteht also darin, wie sich jeweils drei Männer pro Zelt auf sechs Quadratmetern während 24 Stunden beschäftigen können. Aber es ist eigentlich kein Problem. Neben Schlafen und Lesen - vom norwegischer Krimi bis zum Buch über den Dalai Lama ist alles vertreten - vertreiben wir unsere Zeit ganz unterschiedlich: die einen spielen ein wenig mit der feucht gewordenen Magnum, die anderen trocknen nasse Kleider, und die letzten "nuschen" ein wenig herum. Zwischendrin muss einer raus um das Zelt zu spannen.

Endlich haben wir auch mal Zeit, uns um das Essen zu streiten: wer bekommt den Kartoffelstock und wer muss das Curry essen? Aber das ist wieder eine andere Geschichte!

Ein klein wenig Sorgen bereitet uns noch ein nicht allzu weit entfernter Riss im Eis. Deshalb sind wir immer voll angezogen im Schlafsack (und haben saumässig warm dabei). Aber sonst geht es uns allen gut und die Stimmung ist bestens.

André Lüthi von der "Frozen Beach", noch ca. 21.5 Kilometer vom Nordpol


Nachtrag von Expeditions-Manager Hans Ambühl
Gemäss übereinstimmenden Wetterberichten von SF Meteo und Meteotest befindet sich die Expedition gerade an der Vorderseite eines Tiefs, das den Nordpol überquert. Das bedeutet für Samstag und Sonntag relativ schwierige Bedingungen mit starkem Wind, bis hin zu Sturmstärke. Die Temperaturen sind nur knapp unter dem Gefrierpunkt und die Sicht ist schlecht. Deshalb wird wohl zu dem einen Ruhetag am Samstag noch ein zweiter dazukommen.


Alles Gute zum Geburtstag

13. April 2007: Tagesbericht von Marcel Kaufmann

Am Morgen haben wir rund 1 Stunde schönes Wetter, danach ist das Licht diffus: zum Marschieren ist das eher unangenehm. Aber zwischendrin zeigte sich immer wieder mal die Sonne und verzauberte die Landschaft mit wunderbarem Licht. Wir bleiben aufgrund der gestern gemeldeten Eisbärensichtung alle stets relativ dicht beisammen und Thomas trägt die Magnum griffbereit. Unser Tag ist körperlich wieder recht anstrengend, mit 22 zurückgelegten Kilometern in 9 Stunden.

Erstmals müssen wir am Abend die Zelte bei starkem Wind aufstellen. Das ist nicht so einfach - aber schlussendlich steht unser Camp. Ich freue mich schon auf die letzten 26 Kilometer, die in den nächsten zwei Tagen noch vor uns liegen.

Marcel Kaufmann per Satellitentelefon von 89° 45'N / 89° 40'E


Nachtrag von Expeditions-Manager Hans Ambühl
Marcel Kaufmann feiert heute Freitag Geburtstag und nach Aussagen von Teammitgliedern hat er eine Menge Glückwunsch-SMS' auf das Satelliten-Telefon erhalten über die er sich riesig freut. Marcel hat zur Feier des Tages eine Flasche Prosecco mitgeschleppt, allerdings ist dieser gefroren und muss nun noch aufgetaut werden.


Eisbärin mit Jungen gesichtet!

12. April 2007: Tagesbericht von Markus Büel

Diese Nacht sind wir 3 Kilometer Richtung Pol gedriftet. Um 7 Uhr ist Tagwache. Draussen ist es ganz ruhig. Nach dem Frühstück, das wie immer aus Porridge und Cappuccino besteht, machen wir uns bereit für den Marsch. Vom Aufwachen bis wir losmarschieren können vergehen zweieinhalb Stunden. Es ist heute nur minus 25 Grad kalt. Aber es wird wieder ein harter Tag. Dank dem guten Teamgeist und der perfekten Führung durch Thomas und David ist die Stimmung dennoch top. Wir sind 9 Stunden unterwegs und schaffen trotz einiger Presseis-Zonen und Rinnen die neue Rekord-Distanz von 22 Kilometer. Jetzt sind es noch 47 Kilometer zum Nordpol. Wir können zufrieden sein mit unserer Leistung.

Am Abend erhalten wir per Satelliten-Telefon die Information, dass beim 88 Breitengrad (ca. 150 Kilometer von uns entfernt eine Eisbärin mit zwei Jungen gesichtet worden sei.

Markus Büel per Satellitentelefon von 89°34’ Nord
Den original Tagesbericht als WAV-file anhören


Anmerkung von Expeditions-Manager Hans Ambühl:
Dass Eisbären so nahe zum Nordpol gehen ist eher ungewöhnlich. Dennoch besteht meiner Einschätzung nach keine direkte Gefahr durch die Tiere. Diese sind zwar neugierieg und wenn sie Futter riechen manchmal sogar aufdringlich, aber ernsthafte Zwischenfälle mit Eisbären sind relativ selten. Insbesondere die Grösse der Gruppe könnte eine abschreckende Wirkung haben, solange keiner den kleinen ‚Knut’s’ zu nahe kommt!


Rhythmus gefunden!

11. April 2007: Tagesbericht von Jost von Allmen


In der Nacht sind wir rückwärts gedriftet. Am Morgen ist es noch immer saukalt, aber wenigstens bläst der Wind jetzt aus Süden – das heisst, dass wir ihn jetzt im Rücken haben. Das ist viel angenehmer. Heute treffen wir sehr unterschiedliche Eisbedingungen an, am Anfang und am Schluss super flach und hart, dazwischen sehr schwierige Press-Eis-Zonen und frisch aufgebrochene offene Wasserstellen. Einmal müssen wir die Ski sogar ausziehen und uns richtiggehend einen Weg durch ein Labyrinth von Eisklötzen suchen. Für mich als Fotograf ist die Abwechslung natürlich perfekt!

Im Lauf des Tages geraten wir auch noch in Nebel. Doch gegen Abend reisst dieser wieder auf und auch die Temperaturen steigen auf schon fast angenehme minus 25°! Wir sind 10 Stunden unterwegs und kommen gut voran. Unser Camp liegt jetzt noch rund 70 Kilometer vom Pol.

Die Ausrüstung bewährt sich übrigens super. Ich habe nicht einmal kalte Füsse! Aber man muss immer gut acht geben, dass man feuchte Sachen wieder trocken kriegt bevor sie gefrieren!

Es geht vorwärts und die Stimmung in der Gruppe ist gut.

Jost von Allmen per Satellitentelefon


Faszinierend und lebensfeindlich!

10. April 2007: Tagesbericht von Jost von Allmen


Es ist immer noch sehr kalt (Minus 27°). Die Umgebung ist gleichzeitig unglaublich faszinierend und unheimlich lebensfeindlich! Wir bewegen uns in einer Umwelt, die für uns Menschen das absolute Limit darstellt. Man darf hier keine Fehler machen!

Die Stimmung in unser Team ist gut. Jeder hilft dem Anderen und wir beobachten uns ständig gegenseitig, um Anzeichen von Erfrierungen in Gesicht sofort zu erkennen und mit Fettsalbe abzudecken. Die Hände und Füsse können wir ausserhalb des Schlafsacks nur durch körperliche Aktivität warm halten.

Heute sind wir mehr als 8 Stunden marschiert. Wir befinden uns in einer Eiswüste, aber es ist nie langweilig. Mehrmals müssen wir kleine Umwege machen, um frische Bruchstellen im Eis zu umgehen. Der Eiskalte Wind kommt von Norden und bläst uns voll ins Gesicht. Sonst ist das Wetter eigentlich gut, die Sonne scheint rund um die Uhr. Wir sind jetzt noch rund 87 Kilometer vom Nordpol entfernt. Wenn wir Glück haben, driften wir während der Nacht sogar noch etwas näher zum Pol. So wie letzte Nacht, wo wir im Zelt anderthalb Kilometer ‚gut gemacht’ haben!

Jost von Allmen per Satellitentelefon von 89°13’ Nord.

Nachtrag:
Ein Expeditionsteilnehmer musste leider die Reise heute abbrechen. Urs Düggelin wurde mit leichten Erfrierungen an den Händen und Füssen ausgeflogen. Sein Körper hatte von Beginn weg Mühe mit der extremen Kälte. Als dann erste Anzeichen von Erfrierungen auftraten, war klar, dass er evakuiert werden musste. Noch in der Nacht ist er via Nordpol-Basis Borneo nach Spitzbergen geflogen worden, wo er sich in ärztliche Behandlung begab. Dank der raschen Evakuierung konnten bleibende Schäden verhindert werden. Urs ist jetzt unterwegs zurück in die Schweiz. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.

11.4.2007, Hans Ambühl, Expeditionsmanager, Interlaken


Unterwegs zum Pol

9. April 2007: 6 Stunden unterwegs


Am dritten Tag, Montag, 9. April 2007 geht es für die Gruppe darum, sich mit der täglichen Expeditionsroutine vertraut zu machen: Wasser schmelzen, Morgenessen, bereit machen für den Marsch, Camp abbrechen und in den Schlitten verstauen – und dann marschieren. Der Einstieg ist hart für die Novizen: die Minus 31 Grad und ein schneidend kalter Wind lassen die Marschpausen sehr kurz werden. Es ist angenehmer, in Bewegung zu bleiben, da man bei einer Rast trotz zusätzlicher Daunenjacke sehr schnell auskühlt. Das Eis ist gut. Solid, dick und relativ flach. Thomas Ulrich ist mit seiner Gruppe während 6 Stunden unterwegs und schafft 10 Kilometer.

Das eindrücklichste Erlebnis des Tages ist eine frische Press-Eis-Zone, wo sich zwei mächtige Eisplatten unter lautem Ächzen und Knirschen gegenseitig zerdrücken und zu kleinen Eistürmen aufstossen. Da das Ganze sehr langsam passiert, ist es nicht gefährlich eine solche Press-Eis-Zone zu passieren - aber eindrücklich ist es schon, die gewaltige Macht der Naturkräfte zu erleben. Sofort nach Ankunft am neuen Lagerplatz werden die Zelte aufgestellt. Das klappt beim zweiten Mal bereits wie am Schnürchen. Sobald die Zelte stehen, heisst es: nichts wie rein, die Bekleidung sauber ausbürsten, damit nicht mit Schnee Feuchtigkeit ins Zelt gebracht wird, und dann ab in den Schlafsack. Von dort aus kann man dann wieder den Kocher bedienen und Wasser schmelzen.


Harter Anfang bei minus 31°

8. April 2007: Flug zum Startpunkt


Am ersten Tag fliegt die Expeditionsgruppe über Koppenhagen nach Oslo und von dort weiter nach Spitzbergen, wo sie die erste Nacht verbringt. Am zweiten Tag, Ostersonntag, 8. April 2007 belädt jeder seinen Schlitten mit Proviant und Ausrüstung. Nach letzten Instruktionen und einem Material-Check durch Thomas Ulrich wird die Gruppe von einem russischen Kurzpisten-Jet in 2 ¼ Stunden auf die Nordpol-Basis Borneo geflogen. Diese wird jedes Jahr neu auf dem arktischen Eis errichtet und hat jeweils nur während dem April Bestand. Borneo liegt diese Jahr auf 89°35’45“Nord / 21° 19’50“ Ost, also deutlich näher beim Nordpol als üblicherweise.

Von Borneo aus werden die Abenteurer aus diesem Grund per Helikopter zum 89. Breitengrad zurückgeflogen (35 Minuten Flug), um von dort aus die Reise an den Nordpol zu Fuss, resp. auf Ski fort zu setzen. Thomas Ulrichs Gruppe wird bei garstigen Bedingungen – minus 30°C und eisiger Wind - erst um ca. 21.00 Uhr an ihrem Startpunkt abgesetzt und schlägt deshalb unmittelbar dort Ihr erstes Camp auf.


Abenteuer Nordpol 2007

7. April 2007: Abflug vom Flughafen Zürich


Am Morgen des 7. Aprils 2007, um 07.05 fliegt Thomas Ulrich in Zürich ab: sein Ziel der Nordpol. Ihn begleiten 6 Expeditionsteilnehmer – ein siebter, der Österreicher Siegfried Mahringer wird später in Oslo zu ihnen stossen – und ein zweiter Guide, der Fribourger Bergführer David Fasel.

Die erstmals von Thomas Ulrich organisierte Expedition ‚Abenteuer Nordpol’ dauert vom 7. bis 20. April und das Ziel der 9-köpfigen Gruppe ist die Bewältigung des letzten Breitengrades auf Ski. Ulrich rechnet, dass die Gruppe rund 7 Tage benötigen wird, um die ca. 120 Kilometer lange Strecke an den Pol zu marschieren.

Die Teilnehmer: Markus Büel (58, Zahnarzt aus Luzern), Urs Düggelin (63, Verleger, Sursee), Marcel Kaufmann (31, Logistiker, Horw), Daniel Kramer (48, Architekt/Unternehmer, Bern), André Lüthi (46, CEO Globetrotter, Bern), Siegfried Mahringer (45, Augenoptiker, Neuhofen, Österreich) und Jost von Allmen (43, Fotograf und Lehrer aus Unterseen).

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